Helen Garner - Das Zimmer

Originaltitel: The Spare Room
Roman. Berlin Verlag 2009
176 Seiten, ISBN: 3827008336

Helen Garner erzählt in ihrem schmalen Roman in erster Person. Sorgsam bereitet sie das Gästezimmer vor für ihre Freundin Nicola, die für drei Wochen zu Besuch kommen will. Doch es ist kein normaler Freundschaftsbesuch: Nicola hat Krebs im Endstadium, sie will sich in Melbourne einer alternativen Behandlung unterziehen. Und sie vermittelt jedem, dass diese Behandlung dazu führen wird, den Krebs zu stoppen, dass es ihr ganz bald wieder sehr viel besser gehen wird, sie gesund werden wird.

Glaubt außer Nicola jemand in ihrem näheren Umfeld daran? Helen bezweifelt es. Für ihren rationalen Verstand sind die Behandlungsmethoden, denen Nicola sich hier aussetzt, einfach nur grausam und Scharlatanerei - die reine Abzocke. Doch Nicola weigert sich sogar, zu Schmerzmitteln zu greifen, sie klammert sich an jeden Strohhalm, will nicht sehen oder nicht zugeben, was in diesem Theodore-Institut mit ihr geschieht. Beim Lesen stieg auch in mir der Zorn hoch über die Art und Weise, wie hier mit kranken Menschen umgegangen wird.

Einen kranken Menschen zu pflegen ist nicht nur körperlich anstrengend - die Nächte sind anstrengend, an Schlaf ist wenig zu denken - sondern es fordert Helen auch auf eine Weise heraus, mit der sie nie gerechnet hatte: sie wird von Tag zu Tag wütender. Dabei ist sie doch an sich wirklich gerne bereit, für ihre liebe Freundin viel zu tun, doch kann sie Niolas Optimismus nicht ertragen.

Das Buch hat mich vor allem an den Stellen besonders angerührt, an denen Helen Garner sich selbst und ihre Motivation ihrer Freundin zu helfen in Frage stellt. Wie weit ist sie bereit zu gehen, warum wird sie panisch, als sie befürchten muss, dass Nicola länger als geplant bleibt.

Darüberhinaus aber baut die Autorin auch ein Thema ein, das mir ebenfalls sehr am Herzen liegt: was geschieht, wenn ein Mensch erkrankt, der keine eigene Familie hat? Nicola hat keine Kinder, sieht sich nun am Ende ihres Lebens an einen Punkt, wo sie glaubt, nichts erreicht zu haben. Wie ein soziales Netz funktionieren kann, auch wenn es nicht durch familiäre Bande gestützt ist (zumal ja auch das keine Garantie ist) wird hier recht eindrucksvoll thematisiert.

Von meiner Seite auf jeden Fall eine Empfehlung!

Helen Garner

Helen Garner wurde 1942 im australischen Geelong geboren. Zu ihrem preisgekrönten Werk zählen Romane und Kurzgeschichten sowie Sachbücher. Mit Das Zimmer kehrte die Autorin nach 15 Jahren erstmals wieder zum Roman zurück. Sie eroberte sofort die australische Bestsellerliste und wurde mit dem Victorian Premier's Literary Award for Fiction sowie dem Queensland Premier’s Literary Award for Fiction ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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