Martin Walker - Bruno Chef de police

Originaltitel: Bruno, Chief of Police
Krimi. Diogenes 2009
339 Seiten, ISBN: 3257240465

Bruno ist ein kleiner Dorfpolizist in dem beschaulichen Städtchen St Denis in der landschaftlich und kulinarisch reizvollen Dordogne. Beide Vorzüge der Gegend werden entsprechend auch vom Autor erstmal ausführlich gewürdigt; Dass der Autor aus einem anderen Sprach- und Kulturkreis kommt als beschrieben macht sich auch dadurch bemerkbar, dass diverse Bezeichnungen, die einem Ausländer drollig und fremd sind, kursiv auf französisch gedruckt wurden - eine Unsitte, die mich schon bei Donna Leon immer genervt hatte.

Aber zurück zum Buch. Denn für mich nach diesem Anfang recht unerwartet hat die Handlung sich dann auf eine Weise entwickelt, die mich ausgesprochen gut unterhalten hat - auf intelligente Weise.

Bruno kennt in seiner Funktion als Chef du Police jeden und jedes in dem kleinen Städtchen. Und seine Aufgabe sieht er durchaus auch darin, die Inspekteure aus Brüssel, die den einheimischen Händlern mit den EU-Vorschriften die Existenzgrundlage zu entziehen drohen, zu behindern. In diversen Gemeinschaftsaktionen wird deren Arbeit sabotiert, was immer wieder für nette Momente innerhalb des Romans sorgt.

Zu den jährlichen Ritualen des Städtchens zählt auch die Gedenkfeier anlässlich des Kriegsendes. Wie immer werden die Fahnen von zwei Veteranen getragen, die im Krieg auf verschiedenen Seiten des Widerstands kämpften und seither kein Wort miteinander sprechen. Doch diesmal, als ein Programmpunkt hinzugefügt wird, gibt es einen Blickwechsel des stummen Einverständnisses.

Doch kurz darauf wird der Frieden des Touristenstädtchens empfindlich gestört: Hamid al Bakr, ein zurückgezogen lebender alter Mann, wird ermordet aufgefunden. Und zwar mit Hakenkreuzen in den Bauch geritzt. Rassismus in St. Denis? Dem Städtchen, in dem fast jeder jüngere Bewohner Rechnen vom Sohn des Ermordeten gelernt hat, und der Enkelsohn Karim zu den Rugbystars zählt?

So einen Fall bearbeitet selbstverständlich nicht der kleine Dorfpolizist; innerhalb kürzester Zeit kommt Verstärkung aus der Zentrale. Gut, dass Bruno seit einem einige Jahre zurückliegenden Fall noch gute Kontakte hat, sonst würde er wohl schon bald nicht mehr auf dem Laufenden über die Entwicklungen sein. Vor allem die junge Entwicklerin Juliette scheint interessiert an mehr als nur einer engen Zusammenarbeit mit dem begehrten Junggesellen.

Als bei einem jungen Mann aus dem Städtchen Verbindungen zur rechten Szene nachgewiesen werden können, scheint der Fall so gut wie gelöst. Zumindest für die Bürokraten aus der Zentrale, die sich um das fehlende Motiv nicht kümmern - anders als Bruno, der den Jungen gut genug kennt, um da seine Zweifel zu haben. Und ihn beschäftigt nach wie vor, warum ein unscheinbares Erinnerungsfoto aus der Wohnung des Ermordeten verschwunden ist?

Nach anfänglicher Skepsis hat mir dieser Krimi ausgesprochen gut gefallen; nachdem der Autor sich warmgeschrieben hatte und der Überschwang bei den Beschreibungen der Landschaft und des Essens sich gelegt hatte, gelang es ihm, einen spannenden Plot aufzubauen. Die Hintergrundgeschichten um die Zeit der Resistance sind gut eingewoben, informativ ohne belehrend zu wirken - kurzum: sehr gelungene Unterhaltung! Ich freue mich schon auf eine Fortsetzung der Serie.

Martin Walker

Martin Walker, geboren 1947, gebürtiger Schotte, hat in Oxford und Harvard Geschichte, Wirtschaft und Internationale Beziehungen studiert. Er hat 25 Jahre als politischer Journalist bei der Londoner Tageszeitung ›The Guardian‹ gearbeitet, deren Büroleiter er in Moskau und Washington war. 1978 wurde er mit dem britischen Reporter-des-Jahres-Preis ausgezeichnet. Er schrieb und schreibt für die ›New York Times‹, die ›Washington Post‹, den ›New Yorker‹, ›Die Zeit‹, ›El Mundo‹, die ›Moscow Times‹ und ›Moskowskij Novosti‹. Martin Walker lebt in Washington DC und im Périgord.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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