Wallace Stegner - Zeit der Geborgenheit

Originaltitel: Crossing to Safety
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2008
418 Seiten, ISBN: 3423246618

Für Sally und Larry Morgan ist es ein ungeheurer Glücksfall, dass Larry am Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise eine Anstellung an einem College erhält. Zwar vorerst nur für ein Jahr und ausgesprochen bescheiden bezahlt, aber immerhin: ein Anfang! Auch Charity und Sid Lang sind neu in Madison; aber während die Morgans mittellos und ohne Beziehungen ganz auf sich gestellt sind, können die Langs auf ein dichtes Netz an Bekanntschaften und vor allem auch auf ein großes Barvermögen zurückgreifen.

Trotz der ungleichen Voraussetzungen freunden die beiden Paare sich rasch an. Die vor Lebensfreude, Organisationstalent und Großzügigkeit übersprudelnde Charity lässt nicht zu, dass die Morgans ihre pekuniäre Unterlegenheit als Schieflage in der Freundesbeziehung empfinden. Und obwohl doch eigentlich alles Glück auf Seiten der Langs sein müsste, erhalten die Morgans auch einen Einblick darin, was über die nächsten Jahre noch für viel Bitterkeit in der Beziehung der Freunde sorgen soll: die ungleiche Verteilung von Ehrgeiz und Ambition.

Schon Sids Vater war nicht mit dessen literarischen Ambitionen einverstanden gewesen. Und auch für Charity zählt dieser Lebenswunsch wenig, solange die vorrangigen Ziele nicht erreicht sind: eine ordentliche Professur an einem kleinen College im Mittelwesten. Eine Stütze des sozialen Lebens der Stadt sollen sie darstellen, ein großes Haus führen, und dann, wenn all das erreicht ist, dann kann aus Sid auch ein Dichter werden.

Larry wird Schriftsteller. Nach diesem ersten Jahr am College, als Larrys Vertrag nicht verlängert wird (und sich durch die Vermittlung der unermüdlichen Charity eine ander Möglichkeit für ihn ergibt) trennen sich die Alltagswege der beiden Paare, die sich dennoch weiterhin innig verbunden bleiben, auch wenn der Kontakt am Ende doch recht spärlich wird, als die Morgans wieder nach New Mexico ziehen.

Doch nun sind sie wieder angereist - um Abschied zu nehmen. Denn Charity ist schwer krank. Und wie sie schon immer alles organisiert hatte, so will sie auch jetzt im Sterben die Fäden in der Hand halten…

In diesem stillen, unaufgeregten Roman geht es nicht nur um eine Freundschaft mit ihren Höhen und Tiefen, sondern für mich war es vor allem ein Blick aus befreundeten Augen auf eine Paarbeziehung, die eng und liebevoll, aber auch eine Falle von gegenseitiger Abhängigkeit ist. Und es ist ein differenzierter Blick auf eine starke Frau, die mit ihrer Energie und ihrem unbedingten Willen viel erreicht, aber auch auf brutale Weise vor den Kopf stößt.

Gerade diese Ambivalenz in einer Figur festzuhalten, sie auszuloten in der freimütigen Großzügigkeit wie auch in den diktatorischsten Momenten, ist dem Autor in meinen Augen ausgezeichnet gelungen.

Es ist ein Roman, der viele Anstöße dazu gibt, sich Gedanken zu machen darüber, warum man manche Menschen mag, sich zu ihnen hingezogen fühlt, warum man an manchen Freundschaften und Beziehungen festhält. Mir hat dieser Roman einige sehr schöne, stille Lesestunden beschert, und ich empfehle ihn gerne weiter.

Wallace Stegner

Wallace Stegner, 1909 - 1993, aus armen, zerrütteten Verhältnissen stammend, darf als die bedeutendste Stimme des amerikanischen Westens im 20. Jahrhundert gelten. "Zeit der Geborgenheit" war sein letzter Roman unter insgesamt 28 Veröffentlichugen. Stegner, der sich auch als Biograf, Kritiker, Essayist und Historiker einen Namen gemacht hatte, unterrichtete an verschiedenen Universitäten, unter anderem in Stanford. Zahlreiche Auszeichnungen wie der Pulitzer Preis (1972) und der National Book Award (1977) neben nahmhaften anderen Ehrungen belegen seinen Rang als Klassiker der amerikanischen Moderne.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©05.01.2009 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing