Tilman Rammstedt - Der Kaiser von China

Originaltitel: Der Kaiser von China
Roman. Dumont Literaturverlag 2008
160 Seiten, ISBN: 3832180745

Die Grundidee dieses Romans ist toll, wie ich finde:
die Geschwister haben ihrem Großvater eine Reise geschenkt; und Keith, der Jüngste, soll sie mit ihm unternehmen. Nach China, hat der Großvater bestimmt, soll es gehen.

Nur: Keith will nicht nach China, und schon gar nicht mit seinem Großvater. Kurz vor der Reise bringt er dann auch tatsächlich das ganze Geld, das seine Geschwister ihm dafür schon gegeben haben, im Casino durch. Und als der Großvater beschließt, dann eben mit dem Auto zu fahren, lässt er ihn alleine losfahren, und selbst bleibt er im Gartenhaus - so versteckt, dass keiner der im Haupthaus wohnenden ihn hoffentlich zu Gesicht bekommt.

Bis der Anruf kommt. Aus dem Westerwald. Und jetzt hat Keith ein Problem: denn hier wurde der Großvater gefunden, tot, ohne Papiere, nur mit einer nicht abgeschickten Postkarte an ihn zu identifizieren.

Wie also soll Keith seinen Geschwistern klar machen, dass sein Großvater im Westerwald gestorben ist, und nicht mit ihm in China ist?

Er fängt an zu schreiben. Briefe. Aus China. Und setzt damit dem Großvater ein höchst lebendiges Denkmal…

Diese Idee der Briefe von einer vermeintlichen Reise, voller Details sowohl zu Land und Leuten als auch zum ganz persönlichen Verhältnis zum Großvater, das ihn mit all den den Geschwistern sicher wohlbekannten Macken darstellt, fand ich großartig.

Man hat tatsächlich den Eindruck, Großvater und Enkel bei ihrer Reise zu begleiten, besonders berührend sind dabei die kleinen Details, wenn der Großvater sich etwa angesichts der Chinesischen Mauer weigert, aus dem Taxi zu steigen, weil es regnet und er es hier sowieso blöd findet. Oder der Enkel anderer Gründe wegen entnervt ist.

Aber das Ganze sollte ja ein Roman werden, dafür waren diese Briefe trotz Rahmenhandlung wohl zu wenig, und so wurde auch noch eine Geschichte drumherum gesponnen. Von einer abwesenden Mutter, die nur alle paar Jahre ein neues Enkelkind beim Großvater lässt. Von einem Großvater, der fast jedes Jahr eine neue Freundin, eine Großmutter, präsentiert - bis Keith sich in die letzte davon, nur wenig älter als er selbst, verliebt und ein Verhältnis mit ihr anfängt.
Und als Krönung des Ganzen dann die Begründung für den Wunsch des Großvaters, nach China zu fahren - natürlich eine Liebesgeschichte. Aber eine derart absurde, dass es mir persönlich dann doch etwas zu viel wurde.

Für mich wäre bei diesem Buch weniger mehr gewesen; dennoch: es hat mir sowohl sprachlich (da bin ich von Tilman Rammstedt ja ohnehin seit dem ersten Buch sehr angetan) als auch vom Handlungsaufbau ausgesprochen gut gefallen, ich hatte das Gefühl, einer frischen Stimme zu lauschen, einem Autor, der den Mut aufbringt, eine unkonventionelle Geschichte zu erzählen.

Tilman Rammstedt

Tilman Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren und studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Edinburgh, Tübingen und Berlin. Er ist Texter bei der Gruppe "Fön" und ständiges Mitglied der Lesebühne "Visch und Ferse". 2001 war er Preisträger des Berliner Open Mike. Tilman Rammstedt lebt in Berlin

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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