Anne Enright - Das Familientreffen

Originaltitel: The Gathering
Roman. DVA 2008
330 Seiten, ISBN: 3421043701

Es ist nicht der erste Bruder, den die Geschwister Hegarty zu Grabe tragen. Aber Liams Tod ist für Veronica dennoch traumatisch; und das nicht nur, weil er seinen Tod selbst herbeigeführt hatte. Liam stand Veronica altersmäßig am nächsten; gemeinsam haben sie ihre Kindheit unter den vielen anderen Geschwistern durchgestanden, und als Veronica nun der Mutter Bescheid sagt und danach die Beerdigung organisiert, stürmen die Erinnerungen auf sie ein.

Es gibt einen dunklen Punkt in ihrer Kindheit, einen Grund, warum Liam so wurde, so viel trank, sich dann das Leben nahm. Und die Ursache dafür fängt für Veronica an dem Punkt an, als ihre Großeltern sich kennen lernten - und ihre Großmutter aus Vernunftgründen auf die Liebe ihres Lebens verzichtete. Intensiv und sinnlich stellt die Enkelin sich diese Vergangenheit vor und beschwört sie herauf.

Diese Zeit des Wartens auf den endgültigen Abschied ist auch eine Zeit, in der Veronica ihre eigene Ehe, ihren derzeitigen Status im Leben überdenkt. Zwar hat sie es, als einziges der Hegarty-Kinder, "zu etwas gebracht", ist verheiratet, hat zwei Kinder, ein großes Haus, fährt einen teuren Wagen - doch in ihrer Ehe ist die Leere eingekehrt, und an ihren Kindern erkennt sie schon jetzt Charakterzüge, die ihre derzeit noch makellose Schönheit in verbitterte Gesichter verwandeln wird.

Das alles wird von einer Zeitebene zur anderen mäandernd erzählt, und in einer Sprache, die der Verlag als bildhaft bezeichnet, die bei mir aber Unbehagen hervorrief, weil ich so manche Formulierung als arg schwülstig empfand. Ein Beispiel:

Ada liest ihn mit der Seite ihres Gesichts; der Flaum auf ihrer Wange sträubt sich und erspürt alles, was sie über den jungen Mann wissen muss, der dort am anderen Ende des Raumes steht.
.

Dazu kam, dass mir diese Familie, in der die Mutter sich meist gar nicht an den Namen der Tochter, die da vor ihr steht, erinnern kann, immer fremder wurde; auch wenn die Formulierung, wie sehr sie nicht alle darüber gelacht hatten, als Liam mit dem Messer nach der Mutter warf, sicher als bitteren Sarkasmus verstehen muss, wollte ich doch eigentlich immer weniger von dieser Familie wissen.

Der Teil, der mich am meisten zu fesseln vermochte, war die Beziehung zu Veronicas Mann; dieses Abgleiten in die Geschlechterrollen, die Unfähigkeit zu kommunizieren, der stetige, unausgesprochene Groll - damit konnte ich etwas anfangen. Die Geschichte der Großeltern war mir fast unerträglich aufgrund der für mich schwülstigen Beschreibungen, und das Verhältnis zu Eltern und Geschwistern passte zu sehr zum Klischee der unglücklichen irischen Kindheit.

Ein Buch, auf das ich aufgrund der Auszeichnung mit dem Booker Prize 2007 und der Tatsache, dass ich gerne über (gescheiterte) Familien lese, sehr gespannt war, das sich aber schon nach wenigen Seiten als nicht für mich geschrieben entpuppte.

Anne Enright

Anne Enright wurde 1962 in Dublin geboren, arbeitete als Schauspielerin und Fernsehproduzentin und lebt heute als Schriftstellerin und Literaturkritikerin im irischen Bray, County Wicklow. Ihre Werke wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2007 erhielt sie für den Roman "Das Familientreffen" den Booker Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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