Esmahan Aykol - Scheidung auf Türkisch: Ein Fall für Kati Hirschel

Originaltitel: Süpheli bir ölüm
Krimi. Diogenes 2008
336 Seiten, ISBN: 3257066775

Kati Hirschel bertreibt Istanbuls einzige reine Krimibuchhandlung - und hat in den vergangenen Jahren schon mehrmals mit dem aus ihrer Lieblingslektüre bezogenen Wissen dazu beitragen können, dass verzwickte Morde aufgeklärt werden konnten.

Doch das ist schon einige Jahre her, seither versucht sie, ihre Kreditraten zu begleichen, ihre Mitarbeiter zu bezahlen und es sich ansonsten gut gehen zu lassen. Als ihr Mitarbeiter Fofo das Bild einer Frau in der Zeitung entdeckt, die sie beide regelmäßig beim Mittagessen in ihrem Lieblingslokal sehen, ist das Interesse geweckt: Sani hatte mit Cem Ankarahgil einen der reichsten jungen Männer Istanbuls geheiratet und war nun, kurz vor der Scheidung, tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Scheidung in reichem Millieu und plötzlicher Tod - da klingeln bei einem Krimileser natürlich alle Alarmglocken. Da kann es sich doch nur um Mord handeln, um nach der Scheidung nichts zahlen zu müssen!

Es bedurfte nur weniger Nachforschungen um herauszufinden, dass Sani tatsächlich keine gute Aufnahme in der Familie Ankarahgil gefunden hatte - ein zwar sehr schönes, aber eben auch armes Mädchen aus der Provinz passte nun mal nicht in eine dieser alteingesessenen, wohlhabenden Familien. Dabei hätte Sani es sicher auch ohne Cem zu etwas bringen können; sie hatte mit Stipendium in Amerika promoviert, hätte entweder dort oder aber auch hier in der Türkei jederzeit einen guten Posten haben können. Doch nach der Hochzeit hatte sie stattdessen darauf verzichtet und sich lieber als Beschäftigung eine gemeinnützige Aufgabe gesucht.

Eine kleine Umweltschutzorganisation hatte sie ins Leben gerufen, die der Verschmutzung der Gegend, aus der sie stammte, ein Ende setzen sollte. Gerbereien und unzählige andere Fabriken lassen dort ihre Abwässer ungefiltert in den Fluss laufen, oder aber pumpen es aus Angst vor Kontrolle gleich wieder zurück ins Grundwasser.

Ein Besuch bei Sanis Familie, bei dem sie viel über die hiesigen Praktiken erfährt, lässt sie immer sicherer werden: hier hat die Industrie ihre Hände im Spiel, sicher wollte man Sani nur aus dem Weg räumen, um zu verhindern, dass sie mit ihrer Umweltorganisation etwas erreicht….

Der kurze Ausflug in eine kritische Gegenwartsbetrachtung, in diesem Fall der Umweltsünden, die in vielen Teilen der industrialisierten Türkei begangen werden, ist der einzige Abschnitt des Buches, der in mir das Interesse daran weckte, mehr wissen zu wollen, bzw. einen Krimi zu lesen, der neben dem Anspruch zu unterhalten auch ein wenig über die aktuellen Themen des Landes zu erfahren, in dem er spielt.

Doch allzu rasch pendelt die Handlung wieder zurück ins Private, in ein Beziehungsgewäsch, wie man es schon allzuoft gelesen hat.

Dass die Handlung nicht unbedingt logisch ist, hätte man vielleicht noch verschmerzen können, wenn wenigstens die Erzählweise mich mitgerissen hätte. Doch leider mag ich es nicht, wenn ich vom allwissenden Ich-Erzähler immer wieder direkt als Leser angesprochen werde. Und als gegen Ende die Bemerkung lesen musste

Ich weiß, Sie wollen vor allem wissen, wie es mit Sinan weitergegangen ist.
hätte ich am liebsten der Autorin geantwortet: nein. Nein, ich will nicht wissen, wie die kleine aufgeblähte Liebschaft weitergeht.

Esmahan Aykol

Esmahan Aykol, 1970 in Edirne in der Türkei geboren, lebt heute in Berlin und Istanbul. Während des Jurastudiums arbeitete sie als Journalistin für verschiedene türkische Zeitungen und Radiosender. Später eröffnete sie zusammen mit einer Freundin eine Bar, die bald Pleite ging. Die Freundin eröffnete anschließend eine Buchhandlung, und Esmahan Aykol schrieb einen Roman, der in dieser Buchhandlung (sowie in der ganzen Türkei) reißenden Absatz fand: Hotel Bosporus

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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