Ingo Schulze - Adam und Evelyn

Originaltitel: Adam und Evelyn
Roman. Berlin Verlag 2008
320 Seiten, ISBN: 3827008107

Adam sieht in den Frauen das, was sie selbst oft nicht einmal mehr ahnen: ihre Schönheit. Auch dralle Körper verwandelt er mit perfekt zugeschnittenen Kostümen und Hosenanzügen in sinnliche Wesen; und wenn sie erst einmal schön sind, fotografiert er sie, und ja, oft vögelt er sie dann auch noch. Aber das eher nebenbei, es ist bedeutungslos. Zumindest für ihn. Seine Freundin Evelyn ist da anderer Ansicht, als sie eines Tages überraschend früh nach Hause kommt.

Kurz entschlossen packt sie und reist ab - an den Plattensee. Wohin sie ohnehin schon längst wollte, mit Adam eigentlich. Sie hatten sogar schon ein Visum! Doch Adam hatte die Abreise bislang immer wieder verschoben - und nun war der Westcousin von Eveylns Freundin Simone da. Der ihr ein Parfum geschenkt hatte. Und der sie alle mit an den Plattensee nehmen würde; dann wollte er Simone heiraten, um ihr die Ausreise in den Westen zu ermöglichen.

Was bleibt Adam denn übrig, als Evelyn nachzureisen? Wenn er will, dass alles so bleibt, wie es ist - und für ihn ist es gut so, er hat sich eingerichtet in diesem Leben. Aber Evelyn will mehr - und sie sieht in diesem Sommer 1989 die Chance, dass etwas voran gehen könnte, dass sie sich aufmachen könnte in ein neues Leben, eines, in dem sie selbst die Wahl hat, welches Studienfach sie denn belegen will. Und wenn sie dann auch im Westen kellnern muss, dann ist es wenigstens ihre freie Entscheidung.

Unterwegs mit dem alten Wagen, der so sehr zur Familie gehört, dass er sogar einen Namen hat, liest Adam dann noch Katja auf, die ebenfalls den großen Traum von der großen Freiheit hat, es schwimmend über die Grenze versuchen wollte. Im Kofferraum bringt er sie über die Grenze, und dann sind sie da, in Ungarn, am Plattensee, und sehen jeden Tag hinüber nach Österreich. Die Zeltplätze sind voll mit Menschen wie ihnen, die Gespräche kreisen fast nur darum, wo wie kontrolliert wird, ob man es wagen soll.

Für Adam aber zählt vor allem, seine Beziehung wieder ins Reine zu bringen. Und nach einigem hin und her - die Zeit dazwischen wurde mit dem Westcousin genutzt, der nun statt Simone lieber Evelyn mit den Reichtümern des Westens locken wollte - doch so schnell kann auch Evelyn ihre Entscheidung nicht treffen. Erst bleibt sie noch, verlängert einfach den Urlaub, bis es dann im Fernsehen gemeldet sind: die Grenzen sind auf, die Ungarn lassen sie raus!

Auf geht es, durch Österreich nach Bayern, dahin, wo noch Verwandte wohnen, die sie dann aufnehmen. Und dann heißt es leben mit der getroffenen Entscheidung - und aus der Ferne zusehen, wie sich der Entschluss durch die Maueröffnung als gar nicht mehr so wichtig herausstellt…

Ein großer Teil dieses Romans ist in Dialogform abgefasst. Das ist über weite Strecken ganz amüsant; es wirkt sehr leichtfüßig, wie da die Handlung vorangeplaudert wird. Und es mangelt auch durchaus nicht an Situationskomik. Ich war beim Lesen nahe dran an diesen Menschen, die da mit wenig Gepäck und vielen Hoffnungen unterwegs waren; auch wenn ich ja nichts darüber weiß, wie authentisch das nun wirklich ist, aber für mich entstand ein sehr lebhaftes Bild, ich konnte eine fast riechen und schmecken, wie es sich angefühlt haben mag in jenen Tagen da in Ungarn.

Dieser Teil ist Ingo Schulze in meinen Augen wirklich großartig gelungen; alles ist offen, die Entscheidungen sind noch nicht getroffen. Es ist der Zustand im Paradies vor dem Sündenfall; denn mit diesem Schöfpungsmythos verbindet der Autor den Roman. Immer wieder stellt er Verbindungen her zur ursächlichen Vertreibung aus dem Paradies; er zeigt die Versuchung, und auch, wie wenig man sich im Vorfeld vorstellen kann, was es heißt, tatsächlich vom Baum der Erkenntnis gegessen zu haben.

Adam geht mit Evelyn in den Westen. Aber er kommt dort nicht ganz an; und als dann die Wende kommt, ist auch klar, dass er auch, wenn er geblieben wäre, keine Zukunft mehr in dieser Form gehabt hätte. Aber so, wie Adam nun der Elan fehlt, so hatte ich auch den Eindruck, dass dem Roman ein wenig die Luft ausgeht. Schon in der letzten Zeit in Ungarn tritt alles auf der Stelle, gibt es nur noch ein und noch ein und noch ein Liebesgeplänkel; nach der Wende plätschert für mich dann alles nur noch so vor sich hin.

Es ist ein Buch, das sich durch die schlichte Sprache und die kurzen Kapitel sehr schnell liest; ich fühlte mich meist ganz gut unterhalten, aber zur Begeisterung hat es bei mir nicht ausgereicht.

Ingo Schulze

Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, studierte von 1983 bis 1988 klassische Philologie in Jena. Bis 1990 war er als Dramaturg am Landestheater Altenburg, dann in einer Zeitungsredaktion tätig. Längerer Aufenthalt in Sankt Petersburg. Seit 1993 lebt er als freier Autor in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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