Zülfü Livaneli - Glückseligkeit

Originaltitel: Mutluluk
Roman. Klett Cotta 2008
320 Seiten, ISBN: 3608937927

Im Traum fliegt Meryem mit dem Phönix; doch von alters her weiß sie, dass sie ihn mit ihrer Milch und ihrem Blut nähren muss, damit er weiterfliegen kann - und sein Stochern nach ihrem Blut in ihrer Leibesmitte lässt sie dann schreiend wieder aufwachen und sich bewusst werden, wo sie sich befindet: im Keller des Hauses ihres Onkels, eingesperrt, weil sie Schande über die Familie gebracht hat.

In ihrem Dorf in Ostanatolien gilt das Wort ihres Onkels, des Scheichs, als Gesetz; die Halbwaise Meryem mit den tiefgründigen grünen Augen, deren Mutter bei der Geburt starb, ist ein Unglückskind, die man denn auch konsequent von aller Bildung ferngehalten hat. Eine Schule hat sie nur ganz kurz besucht; und seit sie kein Kind mehr ist und nicht mehr mit ihrem Cousin Celem und den anderen Kindern des Dorfes herumtollen kann, ist ihre Welt auf den Dunstkreis der Frauen beschränkt, die in diesem alten Anwesen nach den alten, vom Scheich ausgelegten Regeln des Islam leben.

Wenn eine Frau vergewaltigt wurde und damit Schande über die Familie gebracht hat, wird stillschweigend von ihr erwartet, dass sie sich selbst umbringt. Fast geht auch Meryem diesen Schritt; doch ihr Lebenswille ist stärker.

Die Alternative dazu besteht darin, dass man nach Istanbul kommt. Was Meryem nicht weiß, ist, dass sie dann eben auf dem Weg nach oder in Istanbul getötet werden soll; doch so freut sie sich darauf, als ihr Vetter Celem, der eben seine Militärzeit fertig abgeleistet hat, mit ihr in die ferne Stadt aufbricht.

Denn so weit vergangen die Erzählung um Meryem erst auch anmutet - wir befinden uns im Hier und Heute. Und Celem hat die letzten 2 Jahre in den Bergen verbracht, um gegen die Kurden zu kämpfen. Kurden wie seinen Jugendfreund, der sich der PKK angeschlossen hat und dessen Stimme er immer wieder über Funk hört, wenn er den Soldaten zuredet, den Kampf doch zu beenden.

Auch nach seiner Rückkehr in sein Heimatdorf hat der Kampf für ihn nicht aufgehört; immer wieder findet er sich in Gedanken wieder in den Bergen, mit der permanenten Angst konfrontiert, einer Kugel zum Opfer zu fallen. Die anderen Gedanken, die ihn hin und wieder beschleichen - ob es wirklich so richtig sein kann, dass sie ganze Dörfer niedergebrannt habe, warum auch so kleine Kinder zum Opfer werden mussten - diese Gedanken drängt er jeweils rasch wieder weg. Und auch den Auftrag, Meryem beiseite zu schaffen nimmt er einfach an, ohne auch nur nachzufragen, was eigentlich geschehen war. Dabei warnt ihn die junge Frau, die er so glühend zu heiraten wünscht, dringend davor, den Mord zu begehen - nicht, weil er ihr moralisch fragwürdig erschiene, sondern weil die Zeiten andere sind und auch Ehrenmorde vor Gericht zu verantworten sind.

Erst in Istanbul, als sie nach einer desillusionierende Begegnung mit Celems Bruder dann auf einen Militärkameraden Celems treffen, wird diesem klargemacht, dass sein Glaube nicht dem entspricht, was der Islam eigentlich bedeutet…

Den Schilderungen dieser anachronistisch erscheinenden Welt wird dann als dritter Handlungsstrang die Lebenskrise Irfan Kurdals entgegengestellt; Irfan ist ein angesehener Soziologieprofessor in Istanbul mit einer eigenen Fernsehshow, er hat eine reiche Frau geheiratet, verkehrt in den besten Kreisen Istanbuls - und doch fühlt sich sein Leben so inhaltsleer an, so bis zum Ende vorhersehbar, dass er eines Tages ausbricht, seine Ersparnisse abhebt und sich von seiner Heimatstadt am Schwarzen Meer aus mit dem Segelboot aufmacht, den Spuren seines Jugendfreundes zu folgen.

Die Handlung des Romans läuft von Anfang an auf die Begegnung dieser drei unterschiedlichen Menschen zu; es wird sie verändern, ihre Welt erneut auf den Kopf stellen.

Doch so sehr ich jeden einzelnen Werdegang in diesem Buch mit Spannung verfolgt habe - der eigentliche Höhepunkt, also dieses Zusammentreffen und die Veränderung, die damit dann einher geht, diese Passagen stellten für mich eigentlich die Schwachstelle des Romans dar.

Livaneli zeichnet ein sehr vielschichtiges Bild der heutigen Türkei, er zeigt zB auf, wie sich alleine in Istanbul komplette Parallelgesellschaften entwickeln, wie die Stadt durch die vielen Zuwanderer aus Ostanatolien immer stärker anwächst, wie damit auch alte, im Sekulärstaat eigentlich überkommene religiöse Bräuche und Ehrenmorde wieder auf dem Vormarsch sind.

In der Person des hadernden Professors zeigt er ein Bild der modernen Türkei und der Wurzellosigkeit, mit der sich viele herumschlagen, die weder im westlichen noch im östlichen Diskurs wirklich zu Hause sind.

Ich habe mit diesem Buch für mich aber nicht nur viele interessante Eindrücke erhalten, sondern auch einen Erzähler kennen gelernt, dessen frühere Werke ich nun auf jeden Fall noch lesen möchte!

Zülfü Livaneli

Zülfü Livaneli wurde 1946 in Konya-Ilgin (Türkei) geboren. In den 70er Jaren war er wegen seiner politischen Anschauungen gezwungen, die Türkie zu verlassen, erst 1984 kehrte er zurück. Seitdem ist er einer der bekanntesten Sänger und Filmemacher der Türkei, der auch international große Erfolge feiert. Einige Jahre war er Mitglied des türkischen Parlaments, besonders setzte er sich dabei für die türkisch-griechische Aussöhnung ein. Seine Bücher werden weltweit gelesen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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