Yasmina Khadra - Die Attentäterin

Originaltitel: L´Attentat
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2008
269 Seiten, ISBN: 3423136456

Amin Jaafari hat viel erreicht. Er ist ein angesehener Chirurg in einem Tel Aviver Krankenhaus, genießt Ansehen und Wertschätzung, wird mit Auszeichnungen geradezu überschüttet. Amin ist Beduine mit israelischem Pass - ein gelungenes Beispiel für Integration. Seine Frau ist Palästinenserin, die Ehe glücklich, sie genießen gemeinsam den Wohlstand, führen ein westlich orientiertes Leben. Und dann kommt der Tag, an dem Amins Dienstschluss sich verschiebt, weil unzählige Verletzte, hauptsächlich Kinder, wegen eines Selbstmordattentats zu versorgen sind.

Völlig erledigt kehrt er nach Hause zurück, wundert sich noch ein wenig, dass seine Frau von ihrem Besuch bei der Großmutter noch nicht zurück ist - und wird kurz darauf von einer Realität eingeholt, mit der er nie gerechnet hätte: seine schöne, geliebte Frau Sihem wird beschuldigt, dieses Selbstmordattentat begangen zu haben.

Er kann es nicht glauben, weigert sich, das Offensichtliche anzuerkennen. Und merkt gleichzeitig, wie sein gleichberechtigter Status in der israelischen Gesellschaft sich sofort in Luft auflöst; sein Haus wird besudelt, er selbst auf der Straße angegriffen, im Krankenhaus ist seine Arbeitskraft nicht weiter erwünscht. Erst ein Brief seiner Frau, den sie offensichtlich kurz vor ihrem Tod in Bethlehem aufagegeben hat macht ihm klar: ja, es stimmt tatsächlich. Aus Shihem wurde eine Selbstmordattentäterin.

Verzweifelt macht sich Amin nun auf die Suche nach dem Grund dafür, warum seine glückliche, wohlhabende Frau zu so einem Entschluss kommen konnte. Und warum er eine derartige Radikalisierung in ihrem Leben noch nicht einmal bemerkt hatte. Die Spur führt in rasch zu seinem eigenen Familienclan - und zu allen anderen Zweifeln kommt nun noch, dass er sich auch der Treue seiner Frau nicht mehr sicher ist.

Auf seiner Reise in eine Welt, die in gewisser Weise auch die seine ist, auch wenn er sich lange schon auf die andere Seite gestellt hat, erfährt Amin nochmal am eigenen Leib, wie der Alltag jenseits der privilegierten Zone ist, der er selbst angehörte. Er passiert die Mauer, sieht das Elend, die Demütigungen, die alltägliche Gewalt. Aber eine Antwort findet sich für ihn, den Arzt mit der tiefen Überzeugung, dass Leben rettenswert ist, nicht…

Die Fragestellung dieses Romans ist ohne Zweifel hochinteressant, spannend, diskussionswürdig. Woraus speist sich die Gewalt, wie wird ein Mensch so radikal, dass er sein eigenes Leben opfert, um möglichst viele Tote auf der anderen Seite zu bewirken? Dafür, dass er sich des Themas angenommen hat und zum Teil auch dramatische Bilder schafft, gebührt dem Autor Anerkennung.

Auch der erste Teil des Romans, als Amin vorgestellt wird, als man mit ihm die Auswirkungen des Attentats erlebt - für mich an dieser Stelle besonders beeindruckend seine Heimfahrt vom Krankenhaus - empfand ich als gelungenen Auftakt für einen Roman mit einem solchen wichtigen Thema.

Doch den Rest des Romans fand ich literarisch einfach nicht gelungen. Die Schilderung der übergroßen Liebe, die Amin zu seiner (natürlich wunderschönen) Frau empfindet, die fast übermenschliche Hilfe und Fürsorge einer speziellen Freundin, die Eifersucht, die danach bei ihm aufkommt - das erinnerte mich teilweise fast an das Niveau eines Groschenromans.

Khadra schildert dann zwar, was generell Ursache sein kann für diese Anschläge, er zeichnet ein eindrückliches Bild der Unterdrückung und des Elends, das bestimmt nicht geschönt ist. Aber die Motivation seiner speziellen Romanfigur, dieser privilegierten Arztfrau Sihem, die schafft er überhaupt nicht darzulegen. Was ihre Traumata sein könnten, warum sie eine so radikale Einstellung entwickeln konnte ohne dass es ihr nahestehende Menschen wie ihr Ehemann, wie die vielen Freunde, mit denen sie regelmäßigen Umgang hatten, auch nur den Hauch einer Ahnung haben konnten bleibt unausgeführt.

Dass zusätzlich Amin bei jeder seiner Stationen auf der Reise in die Vergangenheit seiner Frau von seiner Familie auf das Herzlichste aufgenommen wird, obwohl er sich so lange losgesagt hatte, dass die Lektion, die man ihm zum Schluss erteilt, so glimpflich abläuft - all das war für mich ein weiterer Grund, warum ich die Lektüre mit immer weniger Begeisterung fortgesetzt habe.

Mein Fazit: ein interessantes Thema, ein missglückter Roman.

Yasmina Khadra

Yasima Khadra ist das Pseudonym von Mohammed Moulessehoul. Der 1955 geborene Autor war bis vor kurzem hoher Offizier der algerischen Armee. Wegen der strengen Zensurbestimmungen erschienen seine Kriminalromane mit Kommissar Llob unter Pseudonym. Erst nachdem er im Dezember 2000 mit seiner Familie ins Exil nach Frankreich gegangen war, konnte er das Geheimnis um seine Identität lüften.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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