Jenny Erpenbeck - Heimsuchung

Originaltitel: Heimsuchung
Roman. Eichborn Verlag 2008
190 Seiten, ISBN: 3821857730

Von der Teilung des Grundstücks am See, der Bebauung bis hin zum Abriss des Hauses spannt die Autorin den Bogen des Romans, in dem sie anhand der Bewohner und Schicksale dieses Hauses deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt.

Weit greift sie aus die Autorin mit dem Beginn des Romans; wie die Landschaft geformt wird, die Gletscher sich zurückziehen, der kleine See sich bildet - ein Auftakt für dieses Buch, wie er besser nicht hätte gelingen können.

Die ersten Besitzer nach den Töchtern des Schulzen, die dieses Waldgrundstück am See besitzen, sind eine Tuchfabrikantenfamilie und ein Architekt. Ein Haus wird gebaut, liebevoll entworfen, mit verspielten Details versehen; für seine Frau Anna entwirft er ein geheimes Zimmer, viele Sommer verbringen sie in diesem Häuschen, am See, ein wenig entfernt von Berlin. Als die Tuchfabrikanten aufgrund der jüdischen Rassengesetze gezwungen sind, das Grundstück billig zu verkaufen, ist es eine gute Gelegenheit für sie, die Scholle zu erweitern. Nun haben sie auch einen Zugang zum See, ein Badehäuschchen; von den Vorbesitzern waren noch die Handtücher im Badehäuschchen, als es in Besitz genommen wurde.

Aber auch der Architekt wird nicht dauerhaft in diesem Haus bleiben. Ausgerechnet, weil er sein Plansoll unbedingt erfüllen will, weil er dafür Schrauben von eigenem Geld im Westen gekauft hatte, wird ihm nahegelegt, dass er noch die Gelegenheit hat, zu gehen - "Am Wochenende verhaften wir nicht". Einen letzten Besuch stattet er seinem Sommerhaus am See ab, mit den bunten Glasfenstern, bevor er alles ordentlich abschließt - und die Schlüssel steckenlässt, denn der Gedanke, dass ansonsten die Türen aufgebrochen würden, ist ihm ein Gräuel.

Ein linientreues Schriftstellerpaar übernimmt als nächstes dieses Haus; viele Jahre lang kommen sie, mit Besuchern, später auch mit immer größerem Familienanhang, das Badehäuschchen wird untervermietet; und alle diese Menschen spiegeln ein Stück deutscher Geschiche wieder, vertrieben aus Schlesien, geflüchtet aus Rumänien; alles auf wenige Seiten komprimiert.

Am Ende kommt die Wende. Und die Frage danach, wer der eigentliche Eigner dieses Hauses ist - ein Streit, der so sehr an die Substanz geht, dass am Ende nur der Abriss bleibt…

Eingerahmt sind diese kleinen Geschichten, die das Schicksal der Bewohner stückweise enthüllen, immer wieder davon, was im Laufe der Jahreszeiten mit Haus und Garten geschieht. Ein Gärtner betreut das Grunstück, er pflanzt, bewässert, kümmert sich - egal, unter welchem Herrn, und welche Kriegsschäden in der Zwischenzeit auszumerzen sind.

Mir persönlich war das Buch an mancher Stelle ein wenig zu ambitioniert. Die Tatsache, dass fast jedes erdenkliche Vertriebenenschicksal in irgendeiner Form in diesem Buch gespiegelt wurde, war mir zu viel, von mancher Passage fühlte ich mich auch emotional erpresst.
Doch davon abgesehen: Jenny Erpenbeck hat dieses Werk rund um das Haus am See ganz wunderbar konstruiert. Wie unwichtig dem Haus, dem Land die wechselnden Besitzer sind wird ebenso deutlich wie die Kontiniutät, die sowohl in der Geschichte selbst als auch im Wechsel der Zeiten zu finden ist.

Und auch sprachlich bewegt sich das auf hohem Niveau - und auch wenn ich zwischenzeitlich beim Lesen manchmal einen etwas zwiespältigeren Eindruck vom Buch hatte, es gehört für mich zu den Werken, die immer mehr gewinnen, je länger man darüber nachdenkt. Eine Empfehlung!

Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ostberlin geboren, dort lebt sie heute als freie Schriftstellerin und Regisseurin. Ihr Prosadebüt "Geschichte vom alten Kind" war ein sensationeller Erfolg. 2001 folgte die Geschichtensammlung "Tand", im Frühjahr 2005 der Roman "Wörterbuch". Ihre Bücher sind in vierzehn Sprachen übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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