Marian Keyes - Märchenprinz

Originaltitel: This Charming Man
ChickLit. Heyne Verlag 2008
800 Seiten, ISBN: 3453265866

Ausgerechnet aus der Zeitung muss Lola erfahren, dass ihr Freund, der charmante aufstrebende Politiker Paddy, eine andere heiraten wird. Für Lola bricht eine Welt zusammen; sie kann nicht glauben, was sie da liest, auch dann noch nicht, als Paddy das bei dem einen Telefonat, das er noch annimmt, bestätigt.

Zum Liebeskummer kommen bald aber auch ganz handfeste existentielle Sorgen: vor lauter Gefühlskarussell und Paddy nachstellen vernachlässigt Lola ihr Stilberatungsgeschäft so sehr, dass die Gefahr droht, dass alle ihre Kundinnen abspringen. Also wird sie von ihren Freunden aufs Land geschickt, in ein kleines Ferienhäuschen an die Westküste.

Dort ist sie auch sicher vor Grace Gildee, einer Journalistin, die unbedingt über die gescheiterte Beziehung berichten will. Aber was aus Lolas Sicht noch danach aussieht, als wolle Grace nur eine Sensationsgeschichte, wird bald aus der Perspektive von Grace und Marnie, deren Zwillingsschwester, beleuchtet. Und da stellt sich heraus, dass Grace Paddy schon seit Jugendjahren kennt, und Fakten über ihn weiß, die dieser bestimmt nicht öffentlich machen will.

Denn Paddy, dieser strahlende, charismatische Mann, so überzeugend, so charmant - genau dieser Paddy ist auch ausgesprochen aggressiv. Im Laufe der Jahre hat sich seine Kunst, zuzuschlagen, verfeinert - er weiß, wie weit er gehen kann, ohne dass ein Arzt die Verletzungen nähen muss, er weiß, wie er den Frauen das Gefühl gibt, selbst schuld zu sein, es provoziert zu haben, und sie durch seine Dominanz daran hindert, zur Polizei zu gehen.

Von der Macht, die ein Mensch über andere ausüben kann, handelt also der eine Teil des Romans - von der Macht, die der Wunsch nach Vergessen, nach Alkohol ausübt, der zweite.

Diese beiden Aspekte wurden im "Märchenprinzen" wirklich sehr gelungen und dabei immer noch unterhaltsam dargestellt; den Kampf mitzuerleben, den Grace um ihre Zwillingsschwester kämpft, zu sehen, wie immer wieder die Hoffnung da ist, sie würde zu Trinken aufhören, wie sie immer wieder enttäuscht wird, obwohl Marnie damit auch ihre kleine Familie zerstört - das ist berührend und einfühlsam. Man kann sich vorstellen, dass die Autorin (die ja selbst trockene Alkoholikerin ist) hier sehr genau wusste, wovon sie schrieb.

Leider gibt es viel zu viele Nebenhandlungen in diesem Roman, die wohl für ein wenig mehr Leichtigkeit sorgen sollten; auch der eigentliche Aufhänger, Lola, ist an sich nur eine Nebenfigur. Die Passagen, die aus ihrer Sicht geschildert werden, haben mich aber beinahe dazu gebracht, das Buch nicht zu Ende zu lesen. In einer (schlechten) Nachahmung des Tagebuchstils von "Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück" werden hier fast alle Sätze verstümmelt, außerdem häufen sich in diesem Erzählstrang die skurillen Begegnungen - ich hätte gerne darauf verzichten können.

Es ist also nicht der beste Roman dieser Autorin - die ich im Übrigen in diesem Genre für ziemlich die Beste halte. Aber bei allen Abstrichen habe ich es dennoch gerne gelesen - und mich am Ende durchaus auch emotional anrühren lassen. Eine etwas verhaltene Empfehlung für Leser von guten Frauenromanen.

Marian Keyes

Geboren in Limerick, Irland, wuchs als ältestes von fünf Geschwistern auf, ist trockene Alkoholikerin und verarbeitet das in ihren Büchern. Seit 1997 lebt sie mit ihrem Mann in Dublin

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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