Gerbrand Bakker - Oben ist es still

Originaltitel: Boven is het stil
Roman. Suhrkamp Verlag 2008
316 Seiten, ISBN: 3518420135

Der Klappentext verspricht folgendes:

Helmer van Wonderen, Bauer wider Willen, macht klar Schiff. Er verfrachtet seinen bettlägerigen Vater ins Obergeschoß, entrümpelt Wohn- und Elternschlafzimmer, streicht Dielen, Fenster, Türen und Wände und schafft neue Möbel an. Das Gemälde mit den schwarzen Schafen, die Fotografien von Mutter und die alte Standuhr kommen nach oben, alle Pflanzen, die blühen können, auf den Misthaufen. Da Vater ihm nicht den Gefallen tut, einfach zu verschwinden, sich von einem Windstoß hinwegfegen zu lassen oder wenigstens zu sterben, richtet Helmer sein Leben unten neu ein. Seine ungelebten Träume kann er jedoch nicht so leicht entsorgen. Als er eines Tages unerwartet Post erhält, brechen sich Erinnerungen Bahn. »Henk hätte hier wohnen sollen. Mit Riet und mit Kindern.« Henk, der Zwillingsbruder, ist lange tot. Riet aber lebt, und sie hat einen Sohn.


Ich weiß nicht, wie es anderen Lesern geht - aber bei mir weckte das die Erwartung, dass dieser Bauer wider Willen sein Amt erst relativ kurz versieht, ehe er den Vater nach oben verbannt. Und dass es mit Riet und dem Sohn eine ganz andere Bewandtnis hätte; aber egal. Jetzt zu dem Buch, das ich dann tatsächlich gelesen habe.

Alles war darauf angelegt, dass Henk eines Tages den väterlichen Hof erben sollte. Dass er Riet heiraten, mit ihr Kinder bekommen sollte. Und Helmer? Helmer war lieber Schlittschuhlaufen gewesen als dem Vater am Hof zu helfen. Helmer hatte angefangen, in Amsterdam Wörter zu studieren. Und überhaupt war Helmer nur der Teil von "Henk und Helmer", der im Schatten des Zwillingsbruders stand, obwohl er doch der ein paar Minuten ältere war.

Aber immer schon war Henk einfach schneller in seinen Entscheidungen, seinen Taten. Trotzdem: oft schien es, sie wären nur ein Körper, so unzertrennlich schienen sie. So schwer waren sie auseinanderzuhalten.

Bis dann Henk mit Riet zusammenkam, und nicht mehr wollte, dass Helmer nachts zu ihm ins Bett schlüpfte.

Doch dann geschah der Unfall, den Henk nicht überlebte. Helmer war nicht dabei; Riet hatte den Wagen gesteuert. Und so entschieden, wie der Vater Riet vom Hof jagte, so entschieden war er auch in seinem Entschluss, dass Helmer sein Studium aufgeben, den Hof übernehmen sollte.

Jahrzehntelang war es dann auch genauso. Helmer war an Henks Stelle Bauer, der Vater hatte das Sagen, und alles, was Helmer sich an Eigenständigkeit erlaubte, war der Erwerb von zwei Eseln. Doch nun ist der Vater zum Pflegefall geworden, und Helmer beginnt, sein Leben umzukrempeln. Zuallererst befreit er sich vom permanenten Anblick des Vaters, indem er diesen ins obere Stockwerk verfrachtet. Die Zimmer unten neu gestaltet, zur Überraschung der Nachbarsfrau. Und sich, dank Riets Brief, mit der Vergangenheit auseinandersetzt und überlegt, was anders hätte werden können wenn…

Es gibt für mich in diesem Buch eine große Schwachstelle: das ist die Zeit. Die Vorstellung, dass Helmer mehr als 30 Jahre lang klaglos sein Schicksal annahm, in dieser Zeit außer dem Hof nichts gemacht hatte, nichts zumindest, was auf Eigenständigkeit schließen ließe, war für mich schwer bis gar nicht vorstellbar. Zumal dann ja der große Umbruch kommt - die Entsorgung des Vaters. Und als Entsorgung empfand ich das wirklich; ihm nur das Nötigste zum Essen geben, oft nicht einmal das, ihn in seinem Dreck liegen lassen - auch wenn es kein Wunder ist, dass der lange aufgestaute Hass nun ein Ventil gefunden zu haben glaubt.

Nach all der langen Zeit also beginnt Helmer mit seinem Leben aufzuräumen - und macht dabei noch so manche Entdeckung…

Es gab einige Aspekte in diesem Roman, die mir sehr gut gefallen haben. Die Darstellung zum Beispiel, wie dieser alte Mann von seinem Sohn gerade so gepflegt wird, bzw. welche Hilfsdienstleistungen er geflissentlich übersieht. Es kommt dann noch zu einer leisen Annäherung zwischen Vater und Sohn; wie das zustande kommt, ist sehr einfühlsam geschildert.

Dennoch: so mancher Einfall, der allgemein als skuril oder originell gelten mag, hat bei mir nicht die erwünschte erheiternde Wirkung gehabt, sondern mich im Gegenteil noch mehr deprimiert. Was als überraschende Wendung im zweiten Tel eingebaut ist, empfand ich schon nach sehr kurzer Zeit als selbstverständlich, weil viel zu viele Andeutungen dazu existierten.

Als lustiges Buch (so etwas hatte ich erwartet) hat es sich nicht erwiesen. Aber wer sich gut auf Naturschilderungen einlassen kann wird mit dem Buch sicher Freude haben.

Gerbrand Bakker

Gerbrand Bakker, 1962 in Wieringerwaard geboren, studierte niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft in Amsterdam, arbeitete als Übersetzer von Untertiteln und ist Diplomgärtner. Er ist Autor eines etymologischen Wörterbuchs der niederländischen Sprache und eines Jugendromans

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©09.09.2008 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing