Christoph Hein - Landnahme

Originaltitel: Landnahme
Roman. Suhrkamp Verlag 2005
357 Seiten, ISBN: 3518457292

Ein Karnevalsumzug, das Prinzenpaar, Funkenmariechen - eigentlich sollte das eine heitere Stimmung erzeugen. Der Auftakt von Christoph Heins Roman, den diese Szene bildet, ist aber ganz im Gegenteil beklemmend. Es ist die erste Begegnung, die man als Leser mit einem Mann hat, dessen Weg durch die vergangenen Jahrzehnte vom Habenichts zu einem der wichtigsten Männer der fiktiven Stadt Guldenberg man als Leser nun über 350 Seiten und aus fünf Erzählerstimmen miterlebt.

Sie waren nicht willkommen, als sie in das kleine sächsische Städtchen eingewiesen wurden; Bernhard Haber, in Breslau geboren, seine Mutter und der Vater, ein Tischler, der im Krieg einen Arm verloren hatte. Wer gibt schon einem einarmigen Tischler Arbeit? Mit zähem Einsatz baut der Vater sich dennoch eine kleine Werkstatt in der Scheune des Bauern auf, bei dem die Familie einquartiert wurde.

Er zeichnet sich nicht gerade durch besondere schulische Leistungen aus, dieser Bernhard Haber. Dass er bis fast zum Schluss jedes Jahr versetzt wird hängt eher damit zusammen, dass es meist noch jemanden gibt, der noch schlechter ist. Dafür ist er handwerklich geschickt, ist es von früh auf gewohnt, seinem Vater in der Tischlerei zu helfen. Freunde hat er keine; nur einen Hund, der ihm zugelaufen war und den er innig liebte.

Doch ein glatter, einfacher Weg ist der Familie auch in ihrer neuen Heimat nicht beschieden. Die Werkstatt brennt ab, und der Verdacht des Vaters, dass es sich dabei um Brandstiftung handeln könnte, erzürnt die Bevölkerung noch mehr - dabei gibt es Anhaltspunkte genug, dass daran etwas Wahres sein könnte. Die Versicherung bezahlt nicht; ein zweites Mal steht die Familie vor dem Nichts. Und wieder fangen sie von vorne an. Doch damit nicht genug: auch Bernhards Hund wird getötet. Und dafür schwört er blutige Rache…

Seine erste Freundin Marion, die den nächsten Teil der Geschichte erzählt, berichtet vor allem von den Lehrjahren, die für sie beide dann anbrechen. Es ist die Zeit der Kollektivierung; die freien Landwirte der Gegend werden reihum zur Aufgabe gezwungen, ins Kollektiv gepresst. Es sind die ganz besonders Politischen, die sich hier engagieren; aber einen gibt es, dem man es ganz besonders übel nimmt: Bernhard Haber, der ausgerechnet vor dem Tor des Bauern steht und schreit, bei dem die Familie die erste Heimstatt zugewiesen bekam. Doch warum sollte aus einem bislang so unpolitischen Menschen nun jemand werden, der hier mitmacht?

Die Antwort darauf erhält der Leser im nächsten Teil, der von Peter Koller erzählt wird. Auch Peter kennt Bernhard schon aus Kindertagen, hat mit ihm so manchen Streifzug unternommen, über den man besser den Mantel des Schweigens breitet. Und wenn nicht die Sache mit Gitti gewesen wäre (übrigens eine der amüsantesten Stellen dieses Romans), dann wäre es dabei geblieben. Doch so ist Peter einer der wenigen Menschen, der wirklich weiß, womit Bernhard sein Geld verdient. Nicht als Schausteller, wie allgemein bekannt ist, sondern als Fluchthelfer…

Nachdem auf diese Art nun also die Zeit vom Ende des zweiten Weltkriegs bis zum Mauerbau ausführlich und für mich ausgesprochen fesselnd dargestellt wurden, folgten in den zwei noch verbleibenden Kapiteln die Jahre bis kurz nach der Wende im Zeitraffer. Von Benrhards Beziehung wird hier noch berichtet, von seinem Aufstieg zum Geschäftsmann. Großartig auch hier wieder die Schilderung des Alltags; die Art und Weise, wie die Geschäftsmänner untereinander es "sich schon richten", auch dann noch, als die Betriebe enteignet wurden.

Dieser letzte Teil hatte für mich, gerade nach der sehr packenden Lektüre davor, erzählerisch deutlich weniger Dichte aufzuweisen und mich entsprechend auch viel weniger gefesselt.

Aber gerade zu Beginn versteht Christoph Hein es für mich meisterhaft, Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen. Zum Einen ist es das Vertriebenenschicksal, das hier thematisiert wird; aber auch ganz allgemein der Alltag in der DDR in einem Städtchen, das fernab ist von der großen Zentrale, der großen Politik, und in dem sich dann Geschehnisse wie der Aufstand 53 seltsam orientierungslos wiederfinden. Es ist gerade diese Darstellung des Großen im Kleinen, was den Roman für mich so faszinierend macht; es zeigt, wie Geschichte zum Beispiel auch erinnert wird, nicht als großes Ereignis, sondern in Verbindung mit persönlichen Erlebnissen, wie der Trennung, oder dem ersten Tragen der sündhaft teuren Lackschuhe.

Gerade Lesern, die wie ich zwar interessiert, aber nicht im Detail mit den Auswirkungen der einzelnen Phasen der DDR-Geschichte vertraut sind, möchte ich diesen Roman ans Herz legen!

Christoph Hein

Christoph Hein, geboren 1944, wuchs in Bad Düben bei Leipzig als Sohn eines Pfarrers auf. Schulbesich bis Mauerbau in Westberliner Gymnasium, danach Montagearbeiter, Buchhändler, Kellner, Journalist, Schauspieler und Regieassistent. 1964 Abitur an der Abendschule. Philosophie- und Logik-Studium in Berlin und Leipzig, danach Dramaturg und Autor an der Volksbühne in Ost-Berlin. Seit 1979 freier Schriftsteller. Zahlreiche Literaturpreise und Auszeichnungen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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