Anne Chaplet - Schrei nach Stille

Originaltitel: Schrei nach Stille
Krimi. List Verlag 2008
331 Seiten, ISBN: 3471772820

Auch wenn das hessische Klein-Roda, das der Schauplatz für eine ganze Reihe von Krimis von Anne Chaplet ist, immer noch ein kleines Dorf ist, in dem die meisten Familien schon seit Generationen ansäßig sind: im Lauf der Zeit ziehen immer wieder auch neue Leute zu, Städter zum Teil. Paul Brenner lebt nun schon seit vielen Jahren hier; auch wenn er sich mittlerweile einen soliden Platz in der Dorfgemeinschaft erworben hat, so ganz gehört er immer noch nicht dazu. Das merkt er vor allem immer dann, wenn wieder etwas passiert im Dorf.

So wie jetzt. Da wird er zum Haus einer Zugezogenen gerufen, um mal nach dem Rechten zu sehen, weil der Sturm einige Bäume gefällt hat. Aber Sophie Winter heißt die Frau, eine erfolgreiche Schriftstellerin, die mit "Sommer of Love" einen Roman über die 68er geschrieben hat; einen Roman über drei Hippies, die sich in einem kleinen Dorf niedergelassen haben, eine kleine Kommune mit freier Liebe und Drogen - nichts also, was man am Land so einfach akzeptiert. Zum Schluss ist eines der beiden Mädchen verschwunden - und Sophie Winters Roman nach zu urteilen, trägt die Dorfgemeinschaft daran Schuld.

Und nun ist sie also zurückgekehrt in das Dorf, in dem die Romanhandlung von 68 spielt, die Autorin, die damals eines der beiden Blumenmädchen war. Lebt wieder in dem Haus, aus dem sie damals Hals über Kopf abgehauen sind - und wieder gibt es Vandalismus, ist man über ihre Anwesenheit nicht glücklich.

In Frankfurt wird Sophie Winters Buch gerade verfilmt; um sicherzustellen, dass die Darstellung der Polizei authentisch ist, wird eigens ein Beamter von der Polizei abgestellt. Und den erinnert die Lektüre des Buches an nie gelösten Kriminalfall…

Außerdem verschwindet im Dorf zur selben Zeit noch ein Kind, und verdächtig erscheint vor allem der neue Freund der Mutter…

Es ist ein bisschen viel, was dieses kleine Dorf im Hessischen an Geschichte zu tragen hat. Gerade erst, also in "Schneesterben", waren Kinder aus dem Dorf verschwunden und mit einer Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg verknüpft worden. Das war im Übrigen großartig gelöst, die unterschiedliche Art und Notwendigkeit von Vergangenheitsbearbeitung in Stadt und Land sehr sensibel und nachhaltig dargestellt. Nun also sind es die 68er, die natürlich auch ihre Spuren in der Dorfgeschichte hinterlassen haben.

Das wäre an sich für mich noch ok gewesen, wenn dazu nicht auch wieder dieses Kindesverschwinden-Geschichte eingebaut worden wäre. Dieser Handlungsstrang ist in meinen Augen schlicht überflüssig; dadurch tritt der Fortgang der Geschichte noch mehr auf der Stelle, als er das ohnehin schon tut.

Auch die Passagen, die aus der Perspektive der Sophie Winter geschildert wurden, konnten mich nicht überzeugen. Hier wird ein Mensch geschildert, der sein Kurzzeitgedächtnis immer mehr verliert und gleichzeitig verschüttete Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis reaktiviert; für mich oft nicht ganz nachvollziehbar.

Aber wenn man davon absieht, bleibt ein an sich sehr spannendes Thema übrig: wie geht man mit dem Wissen um, vor vielen Jahren falsch gehandelt zu haben, welche Auswirkungen hat das auf eine Gemeinschaft, wie schweißt gerade gemeinsames Fehlverhalten eine Gruppe auch zusammen und verhindert eine Öffnung für Neue. Anne Chaplet bleibt für mich also eine Autorin, die einen neuen, spannenden Ansatz findet, doch leider ist es ihr inmeinen Augen diesmal leider bei weitem nicht so gut gelungen wie in Schneesterben, diesen auch in ein spannendes Buch umzuwandeln.

Anne Chaplet

Anne Chaplet ist das Pseudonym von Cora Stephan, Publizistin und Sachbuchautorin aus Frankfurt am Main

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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