Charles MacLean - Trojaner

Originaltitel: Home Before Dark
Krimi. Dumont Literaturverlag 2008
512 Seiten, ISBN: 3832180656

Ein Jahr ist es nun schon her, seit Sophie Lister in Florenz ermordet wurde. Nach wie vor hat die Polizei keine Spur vom Täter; und Ed Lister, ihr Vater, hat langsam genug von dem, was er als dilettantisches Nachforschen betrachtet. Er nimmt die Sache nun selbst in die Hand; ein erster Schritt ist es, in Florenz das Skizzenbuch Sophies abzuholen, das jetzt erst gefunden wurde und verstörende Zeichnungen zeigt. Und außerdem will er sich noch mit Sam Metcalff treffen, einer jungen Frau, die etwas über den Mörder zu wissen glaubt.

Aber während er abends den Weg zu der Grotte sucht, in der seine Tochter sterben musste, fühlt er sich plötzlich selbst beobachtet…

Und dann überschlagen sich erstmal die Ereignisse. Das Treffen mit Sam kommt nicht zustande, weil sie es mit der Angst zu tun bekommt, nachdem sie einen Drohanruf vom Mörder erhalten hatte. Überstürzt verlässt sie Florenz, aber sie fühlt sich immer noch verfolgt - und meldet sich dann doch nochmal bei Ed, um ihm eine Internetadresse zu nennen. Homebeforedark lautet die Adresse - und darauf findet Ed dann das Haus aus den Skizzen seiner Tochter wieder. Aber noch schlimmer kommt es: via Lifestream erlebt er mit, wie eine junge Frau, in der er aufgrund der vorhergehenden Kontakte Sam erkennt, ermordet wird!

Dieser Mörder bewegt sich durch das Netz wie eine Spinne - und hinterlässt keine Spuren, an denen er festzumachen wäre. Nur ausgefuchste Computerspezialisten könnten ihm vielleicht auf die Spur kommen - und die heuert Ed an. Und bald schon findet dieser etwas, womit Ed nie gerechnet hätte - eine Spur zu sich selbst…

Parallel dazu entwickelt sich die harmlose Chatgeschichte, die Ed nach Sophies Tod begonnen hatte, immer mehr zu einer obsessiven Leidenschaft. Seit er wusste, dass Sophie ihren Mörder im Netz getroffen hatte, war er selbst durch die Chatrooms getingelt und hatte sich unmerklich in eine junge Frau verliebt, von der er nur Kleinigkeiten weiß - die nicht einmal stimmen. Doch die Bedrohung, die von Sophies Mörder ausgeht, wirft ihren Schatten auch auf diesen "adorablejoker" und Ed versucht verzweifelt, sie zu finden um ihr Leben zu retten..

Die Aussicht auf einen Krimi, der seine Spannung aus all dem bezieht, was man im Internet an Informationen über einen Menschen finden kann und wie ein böser Geist sich das zu Nutze machen kann fand ich sehr reizvoll; zumal ja gerade das Thema Internetbekanntschaften und die Glaubwürdigkeit der übermittelten Selbstauskünfte oft genug Raum für Enttäuschungen bietet (auch wenn sie nicht unbedingt mörderisch sein müssen). Auch der Titel des Romans suggeriert, dass dieser Schwerpunkt zu erwarten ist.

Aber leider habe ich einen Roman gelesen, der erstmal ungeheuer zäh anlief, um dann in der Mitte mal kurz an Tempo zuzulegen und dann in einer völlig abstrusen Geschichte zu enden. Die Liebesgeschichte zwischen Ed und der sehr viel jüngeren New Yorkerin ist einfach umwerfend schlecht; gut, Chatprotokolle lesen sich selten besonders literarisch, aber dann wäre es schön gewesen, wenigstens nicht so viele davon lesen zu müssen. Dem Leser sollte die Parallele zwischen Ed, der sich in eine Internetgeschichte verrennt und eigentlich zum Stalker wird, zum eigentlichen Mörder klar werden - aber das wird derart überzeichnet, dass es nicht mehr spannend, sondern lächerlich wirkt.

Als dann auch noch der Pseudo-Privatdetektiv mit all seinen privaten Problemchen eingeführt wurde, hätte ich das Buch beinahe endgültig beiseite gelegt - nicht noch ein überflüssiger Handlungsstrang… aber es blieb mir nicht erspart.

Schade, aus dem Thema hätte man sehr viel machen können, der Autor hat es verschenkt.

Charles MacLean

Charles Maclean, geboren 1946, lebt mit seiner Familie in Schottland und Kroatien. Nach Jahrzehnten in der britischen Umweltbewegung – Maclean war Mitbegründer des Magazins ›The Ecologist‹ – arbeitet er heute gelegentlich noch als Reisejournalist, betreibt eine Farm bei Argyll und brennt den berühmten MacPhunn Single-Malt-Whisky. Charles Maclean ist Autor mehrerer Thriller und Sachbücher.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©05.09.2008 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing