Franz Werfel - Die vierzig Tage des Musa Dagh

Originaltitel: Die vierzig Tage des Musa Dagh
Roman. S. Fischer Verlag 1997
990 Seiten, ISBN: 3596294584

Mehr als 20 Jahre hatte Gabriel Bagradian nun in Europa, in Frankreich zugebracht, eher er in diesem Sommer 1915 mit seiner französischen Frau Juliette und dem dreizehnjährigen Sohn Stephan das Haus seiner Kindheit wieder besucht, in seiner armenischen Heimat am Fuß des Musa Dagh. Nun herrscht Krieg; und als Reserveoffizier erwartet Gabriel im Familienstammsitz in Yoghonoluk die Einberufung zum türkischen Militär.

Doch stattdessen werden ihm, wie auch allen anderen Armeniern der Region, die Ausweispapiere abgenommen. Eine reine Verwaltungssache, wird ihnen vorerst versichert. Doch Gabriel ist zutiefst beunruhigt und erfährt durch seine Nachforschungen, dass gegen die Armenier eine Aktion geplant ist, eine Vertreibung des ganzen Volkes aus den Siedlungsgebieten. Ungestüm will er die Bevölkerung informieren, etwas tun, seine Familie in Sicherheit bringen - doch ihm wird bald klar, dass er wenig Möglichkeiten hat.

Als dann der Befehl erteilt wird, dass die sieben Dörfer innerhalb weniger Tage aufbruchbereit sein sollen, steht sein Entschluss fest: er wird sich nicht von den Türken verjagen lassen, kampflos in einen elenden Tod gehen. Seit er vom zu erwartenden Schicksal der Volksgemeinschaft weiß, hatte er unermüdlich einen Plan ausgearbeitet, den er den Bewohnern der Dörfer kurz darauf kundtut: mit allen, die mit ihm kommen wollen, will er sich auf den Musa Dagh zurückziehen, dort siedeln, Verteidigungsstellungen aufbauen. Auch wenn es keine Hoffnung auf Rettung gibt, so ist die Zeitspanne, die ihnen noch bleibt, doch frei gelebt.

Heroische Zeichen - doch der Aufbruch, die Unterkunft und Verpflegung von siebentausend Menschen müssen gut organisiert und verwaltet sein. Unglücksfälle gilt es zu bestehen, und auch wenn es den Armeniern gelingt, die ersten Angriffe der Türken zurückzuschlagen, bessern sich die Aussichten dadurch nicht. Hunger und Entbehrung fordern ihren Tribut, die ungewohnte Gemeinwirtschaft widerstrebt den stolzen Bauern, Seidenwebern, Raupenzüchtern.

Vor diesem Hintergrund wird die Geschichte Gabriel Bagradians als militärischem Anführer des Widerstands erzählt; die Entwicklung seiner Ehe in dieser Zeit, in der sich das Trennende vor die langen gemeinsam verbrachten Jahre schiebt; die Beziehung zu seinem Sohn, der seinen Platz in dieser zugleich fremden und altvertrauten Welt erst finden muss, und zum Armeniermädchen Iskuhi, die er als Schwester im Geiste erkennt.

Vierzig Tage halten sie aus auf dem Berg; vierzig Tage zwischen Euphorie und tiefster Verzweiflung, Mut, Verrat und Kleinmütigkeit. Am Ende naht Rettung; aber Rettung wohin?

Die große Stärke dieses Romans liegt für mich nicht in der Schilderung der Geschicke der Hauptprotagonisten, auch nicht im großen Handlungsbogen, sondern in der geradezu minutiösen Darstellung des Alltags. Was muss geschehen, um sich gegen einen Schicksalsschlag dieser Art zur Wehr zu sezten? Warum sind es nur so wenige, die sich zur Gegenwehr entschließen, was treibt diejenigen an, die sich fügen? Natürlich zwingt sich aus heutiger Perspektive ein Vergleich mit den Geschehnissen 20 Jahre später ab, als die Juden in Europa ausgelöscht werden sollten, und es keinen organisierten Widerstand dagegen gab.

Zu den Höhepunkten gehören auch die Schilderungen der Gespräche, die der Deutsche Johannes Lepsius führt in der Hoffnung, die Lage der Armenier verbessern zu können. Mit einer bedrückenden Klarheit - das Buch ist 1932/33 entstanden - wird in diesen Gesprächen schon vorweggenommen, was in Deutschland in den Jahren danach geschehen wird.

Das umfangreiche, in drei Teile aufgeteilte Werk erfordert sicher einige Zeit und Konzentration vom Leser. Für mich war es eine ausgesprochen lohnenswerte Lektüre, ein Werk, das über die eigentlichen Geschehnisse 1915 hinaus einen Einblick darin gibt, wie repressive Systeme sich auf Gesellschaften auswirken können und warum Widerstand so schwierig ist.

Eine ausführlichere Inhaltsangabe und Diskussion ist hier zu finden.

Franz Werfel

Franz Werfel, 1890 in Prag geboren, veröffentlichte schon 1908 erste Gedichte. 1912 verließ er seine Heimatstadt und arbeitete als Lektor im Leipziger Kurt Wolff Verlag. Während des Ersten Weltkrieges war er Soldat, im Spätsommer 1917 wurde er ins Wiener Kriegspressequartier versetzt. In den 20er und 30er Jahren avancierte Werfel zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. 1938 emigrierte er nach Frankreich, 1940 über Spanien in die USA. Dort starb er 1945 in Beverly Hills.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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