Karen Duve - Taxi

Originaltitel: Taxi
Roman. Eichborn Verlag 2008
313 Seiten, ISBN: 3821809531

Mit Anfang 20 ist Alexandra Herwig auch schon wieder am Ende. Die Ausbildung bei der Versicherung, die sie auf Wunsch ihrer Eltern begonnen hatte, hatte sie abgebrochen. Eigene Ambitionen hatte sie nicht, außer diffuse Vorstellungen davon, irgendwo Geld auf der Straße zu finden. Aber weil sie irgendetwas tun muss, wird sie Taxifahrerin:

Ich meldete mich auf eine Anzeige, in der nicht nur Taxifahrer, sondern ausdrücklich auch Taxifahrerinnen gesucht wurden. 1984 war es in Stellenanzeigen noch nicht üblich, jedem Beruf auch eine weibliche Endung anzufügen. Man tat es nur, wenn man andeuten wollte, dass man praktisch jeden nahm.


Zwodoppelvier - das ist die Funkrufnummer, unter der sie zu erreichen ist. Nach den üblichen Anfangsschwierigkeiten - wie bediene ich den Funk, wie gucke ich so unauffällig wie möglich in den Stadtplan, wenn ich mir partout keine Straßennamen merken kann - lernt sie auch ihre neuen Kollegen kennen, die wie sie nachts an den Taxisammelstellen herumstehen.

Dietrich, Rüdiger, Udo, Taximörder… wie auch immer sie heißen, sie alle fahren ja eigentlich nur Taxi, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In Wirklichkeit studieren sie Philosphie, sind Künstler… wie man es eben so erwartet. Und weil Dietrich erwartet, dass Alex seine Einladung zum Fernsehgucken annimmt, und dann erwartet, dass sie ihn küsst, und dann, dass sie zusammen sind, tja, darum sind sie dann eben zusammen. Auch wenn Alex schon von Anfang an eigentlich lieber mit gar niemandem zusammen sein möchte. Vielleicht hin und wieder mit jemandem Sex, ok. Aber sobald sie mit jemandem zusammen ist, wird sie zu dem, was von ihr erwartet wird.

Und weil Dietrich gerne schöne Mädchen in schönen Kleidern sieht, trägt sie nun eben Kleider. Und macht mit ihm Ausfahrten. Ab und an schläft sie mit ihm. Aber eigentlich schläft sie häufiger mit dem kleinwüchsigen Marco, der tatsächlich ausschließlich studiert, und das auch noch recht erfolgreich, und der sich ernsthaft in sie verliebt und wünscht, dass sie sich von Dietrich trennt.

Aber weil Alex nicht in der Lage ist, irgendetwas an ihrer Situation zu verändern, bleibt sie weiterhin mit Dietrich zusammen, regt sie sich immer noch über Rüdigers extrem frauenfeindliche Sprüche auf, fährt weiterhin Taxi, lässt die Frage, ob das für eine junge hübsche Frau wie sie nicht zu gefährlich sei immer wieder über sich ergehen, mal mehr, mal weniger stoisch…

Und so geht es über 300 Seiten lang. Die Bettpartner wechseln in der zweiten Hälfte des Buches dann häufiger, die Fahrgäste werden immer mieser, Rüdigers Sprüche noch abwertender - aber ansonsten ändert sich nichts, bis zum völlig absurden Schluss.

Die meisten der Protagonisten erfüllen wunderbar sämtliche Klischees über Taxifahrer - vom rücksichtslosen Fahren angefangen, bis hin zur mehr oder weniger offen gezeigten Verachtung für die Fahrgäste.

Zu Beginn kann Alex nicht anders, als den anderen Taxifahrern immer wieder von ihren letzten Fuhren zu erzählen, wen sie gefahren hat, was passiert ist - nach einer Weile merkt sie, dass sie alle sich genau das permanent erzählen, und keiner mehr zuhört, weil es so unendlich langweilig ist, die 1000. Geschichte vom soeben gefahrenen Model zu hören, oder vom Betrunkenen, oder… Leider erspart uns die Autorin aber deswegen nicht, dem Leser immer wieder eine neue altbekannte Geschichte vorzusetzen.

Mein Fall war das Buch also leider nicht - 300 Seiten über ambitonslose, depressive bzw. aggressive Menschen zu lesen, ist mir einfach zu langweilig.

Karen Duve

Karen Duve, 1961 in Hamburg geboren, lebt mit ihrer Englischen Bulldogge in Brunsbüttel.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©15.08.2008 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing