Barbara Honigmann - Das überirdische Licht. Rückkehr nach New York

Originaltitel: Das überirdische Licht. Rückkehr nach New York
Roman. Hanser Literatur Verlag 2008
136 Seiten, ISBN: 3446230858

Zehn Wochen New York, auf Einladung des Deutschen Literaturfonds. Zehn Wochen ohne Verpflichtungen, ohne Familie - Zeit, sich um alte Freundschaften zu kümmern, zu lesen, zu schreiben, New York zu entdecken. Dabei war Barbara Honigmann in diesen zehn Wochen kaum je über die Grenzen "ihres" Viertels, des Village, hinausgekommen, da doch alles, was sie brauchte, hier zu finden war.

In kurzen Skizzen erinnert sich die Autorin an diese aus dem Alltag herausgelösten Wochen; sie erzählt von den Treffen mit ihrer besten Freundin, die wie sie in der DDR aufgewachsen war, und greift Aspekte ihres Studentenlebens wieder auf, als sie alle sich treiben ließen, nächtelang diskutierten und schliefen, bei wem sie eben gerade waren.

Vor allem aber reflektiert sie ihre Eindrücke vom jüdischen Leben in New York, vergleicht es mit dem, was sie in Europa lebt. Die Supermärkte mit koscheren Lebensmitteln, die Selbstverständlichkeit, mit der diese mit einem eigenen Siegel ausgezeichnet werden, stimmen die Autorin froh. Immer wieder vergleicht sie auch die Auslegung der jüdischen Gesetze, zum Beispiel das Trageverbot am Schabbes, zwischen New York und Straßburg, wo sie mit ihrer Familie lebt.

Es sind sehr persönliche Erinnerungen, kleine Szenen, Begebenheiten, die in diesem schmalen Band abgedruckt sind. Manches davon erschien mir sofort sehr vertraut; so zum Beispiel die Lektüre von Doctorows "City of God", während man sich immer wieder die Schauplätze des Romans gerade erläuft. Andere Details, wie die Verwandtschaftsverhältnisse zu diesem oder jenem hingegen vermochten mein Interesse nicht zu fesseln.

In einem Punkt bin ich allerdings wirklich nachhaltig enttäuscht: vom Lektorat. In diesem schmalen Bändchen mit gerade mal 140 Seiten sind derart viele Tipp- und Grammatikfehler enthalten, dass es für einen renommierten Verlag wie Hanser peinlich sein müsste. Oft kann man beim Lesen noch erkennen, dass ein Satz nachträglich abgeändert wurde, man sich aber nicht die Mühe gemacht hat, den Rest an die veränderten Strukturen anzupassen.

Mit mir unbegreiflicher Wonne flicht die Autorin immer wieder englische Wörter in ihren Text ein, die dann auch noch kursiv gedruckt werden; als wäre es eine erste Begegnung mit der englischen Sprache, die man voller Stolz präsentieren muss. Dabei gehören die von ihr derart herausgestrichenen Vokabeln eigentlich zum Grundwortschatz in der Fremdsprache - aber gut, die Autorin hatte ja auch selbst angegeben, diese Sprache nicht besonders gut zu beherrschen.

Mein Eindruck ist daher sehr zwiespältig. Einerseits finde ich die Schilderungen des jüdischen Alltagslebens in New York aufschlussreich und für mich auch neu, weil in den von mir gelesenen Romanen die Einhaltung vieler dieser Regeln gar nicht thematisiert wird, es mir also fremd ist; auch einzelne Beschreibungen der Stadt haben mir sehr gut gefallen. Aber insgesamt wird für Leser, die nicht viel von Barbara Honigmann gelesen haben oder über sie wissen, zu viel und gleichzeitig zu wenig über deren privates Leben erzählt. Hätte ich nicht aus "Ein Kapitel aus meinem Leben" erste Eindrücke über ihre Familiengeschichte erhalten, ich wäre noch mehr genervt von vielen Andeutungen gewesen, die aber nie näher erläutert wurden.

Barbara Honigmann

Barbara Honigmann wurde 1949 in Ostberlin geboren, wohin ihre Eltern aus dem Exil zurückgekehrt waren, und arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. Heute lebt sie in Straßburg.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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