Joanna Trollope - Immer freitagabends

Originaltitel: Friday Nights
Roman. Bloomsbury Berlin 2008
352 Seiten, ISBN: 3827007631

Solange Eleanor voll im Berufsleben stand, empfand sie ihr Leben als angenehm ausgefüllt. Doch nun, im Ruhestand, fehlt ihr eine Aufgabe. Aber wenn sie etwas gelernt hat, dann: organisieren. Und da sie nun schon seit einiger Zeit zwei junge Frauen immer wieder mit ihren kleinen Kindern durch die Straßen eilen sieht, beide offensichtlich allein, lädt sie sie kurzentschlossen zu sich nach Hause ein. An einem Freitagabend.

Nach Paula und Lindsay mit ihren beiden Söhnen stoßen bald auch noch Blaise, ihre Kollegin Karen und Lindsays Schwester Jules dazu - und bei den ungleichen Frauen mit den sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen entwickelt sich eine Freundschaft.

Während Lindsays Mann noch vor der Geburt ihres Sohnes starb, hatte Paula gedacht, mit der Schwangerschaft ihren Geliebten zu einer Entscheidung zwingen zu können. Karen und Blaise haben gemeinsam eine Firma gegründet; während Blaise in ihrem Beruf aufgeht und ohne Familie durchs Leben geht, versucht Karen, den Anforderungen als Alleinverdienerin und Mutter gerecht zu werden und gleichzeitig ihren Künstler-Ehemann zu unterstützen.

Das Gleichgewicht dieser Frauenfreundschaft gerät durcheinander, als Paula sich wieder verliebt, und Jackson den anderen vorstellt. Nicht, dass Jackson etwas falsch gemacht hätte. Im Gegenteil, er findet mit allen rasch wichtige Gesprächsthemen. Bietet Jules an, in einem Club zu investieren, in dem sie auflegen kann. Bringt Karen dazu, ihn anzumachen. Begeistert sogar Paulas Sohn, indem er ihn zum Fußball mitnimmt. Will sich in Blaises Firma einkaufen. Nur sich verbindlich mit Paula einlassen, das kann er nicht - und damit stellt sich für die Frauen die Frage danach, wieweit ihre Loyalität wirklich geht…

"Man spürt die Absicht und ist verstimmt" - dieser alte Spruch kam mir beim Lesen dieses Romans mehrfach in den Sinn. Denn so gut gelungen einzelne Passagen sind - ich schätze Joanna Trollope seit langer Zeit als sehr kluge Beobachterin zwischenmenschlicher Beziehungen - so sehr konstruiert ist dieser Roman auch.

Schon das Aufeinandertreffen dieser Frauen wirkt wie eine Versuchsanordnung; und da das als Romanhandlung nicht ausreichte, wurde eben ein Mann gebraucht, der alles durcheinanderwirbelt (und dessen Motivation für die Intervention im Freundeskreis mir auch nicht klar wurde).

Während ich die Beziehungsverflechtungen in diesem Roman also nicht besonders gelungen empfand, waren die Lebensmodelle dieser Frauen, so klischeebeladen sie auch sein mochten, durchaus interessant. Besonders gut gefallen hat mir zum Beispiel, wie Eleanor den nicht eingeschlagenen Lebenswegen nicht nachtrauert; sie nimmt zur Kenntnis, dass sie sich manchmal auch anders hätte entscheiden können, dass das Auswirkungen auf ihr heutiges Leben gehabt hätte - und akzeptiert es. Diese Einstellung kann sie auch Blaise vermitteln, die ja ebenfalls für die Karriere lebt und keine eigene Familie hat.

Dass das Konzept Familie auch anders gelebt werden kann, dass man auch als Single mit den Freunden und deren Kindern eine Bindung, einen Ausgleich schaffen kann, war gut dargestellt.

Dennoch - von der Autorin bin ich deutlich Besseres gewohnt.

Joanna Trollope

Joanna Trollope ging nach dem Studium in den Auswärtigen Dienst und wechselte später ins Lehrfach. Heute lebt sie als Schriftstellerin in Goucestershire.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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