Sam Savage - Firmin. Ein Rattenleben

Originaltitel: Firmin. Adventures of a Metropolitan Lowlife
Roman. Ullstein Verlag 2008
211 Seiten, ISBN: 355008742X

Wie fängt man einen Roman am besten an? Mit welchen Worten will man sich an den Leser wenden, ihn fesseln, in einstimmen auf das, was man zu erzählen gedenkt? Mit diesen Gedanken beschäftigt sich Firmin gerade; er weiß, dass er nicht mehr lange Zeit haben wird, seine Geschichte zu erzählen, aber dass sie es wert ist, festgehalten zu werden, daran hegt er keinen Zweifel.

Kein Wunder: wieviele Ratten gibt es wohl, die sich im wahrsten Sinne des Wortes als Lese-Ratten bezeichnen können? Firmin ist der Dreizehnte eines Wurfes Ratten; schwächlich wie er ist, kommt er stets zu kurz, wenn der Kampf um Mutters zwölf Zitzen beginnt. Doch dieser Nachteil entwickelt sich nachgerade zum Vorteil, da Firmins Mutter meist volltrunken nach Hause kommt, und seine Geschwister daher ebenfalls betrunken von der Zitze abfallen. Was für ihn dann bleibt, sind einzelne, aber frischgebildete und daher alkoholfreie Tropfen.

Dennoch: er braucht noch eine weitere Nahrungsquelle, und da er im Keller einer Buchhandlung geboren wurde, nimmt er, was zur Verfügung steht: Bücher. Es dauert eine ganze Weile bis er es bereuen soll, willkürlich den Bestand angeknabbert zu haben; denn irgendwann merkt er, dass er das Schwarze auf den Seiten lesen kann, und ab da ist es um ihn geschehen: er ist süchtig nach den Welten, die zwischen zwei Buchdeckeln versteckt sind.

Während seine Geschwister sich in die Welt aufmachen, bleibt er in der Buchhandlung, studiert den Besitzer, Norman, den er perfekt zu kennen glaubt, dem er Geschenke macht - und der ihn dann durch den Einsatz von Rattengift nachhaltig enttäuscht.

Firmin ist ein großer Geist, gefangen in einem mickrigen Körper - und noch dazu in dem einer Ratte. Seine Kommunikationsversuche mit Menschen scheitern kläglich, und nur durch Zufall wird er gerettet - von einem Schriftsteller, der ihn bei sich aufnimmt, ernährt und als Freund betrachtet…

Den Beginn des Romans empfand ich noch als eine nette Idee; auch wenn ich Geschichten nicht sonderlich mag, die aus der Perspektive von Tieren erzählt werden, zumal dann nicht, wenn sie so menschenähnlich gezeichnet werden, so lockt doch das Erzählen durch Literatur, die geteilte Leidenschaft.

Dieser Gedanke trägt bis beinahe zur Hälfte des Romans; auch die Leidenschaft für die Buchhandlung, in die Firmin hier hineingeboren wird, seine gefühlte Nähe zum Besitzer Norman - all das war noch amüsant und mit einigen sehr schönen Beobachtungen versehen. Ob Firmin jetzt von gelesenen Büchern schwadroniert oder von Filmen, die er gesehen hat - es ist immer wieder nett, Bekanntes darin wiederzufinden.

Aber danach macht sich für mich bemerkbar, dass zwar ein guter Anfang gelungen ist, der Autor aber nicht so recht wusste, worauf er eigentlich hinaus will. Je weiter die Vermenschlichung der (im übrigen sehr eitlen und selbstgefälligen) Ratte voranschreitet, umso weniger Lust hatte ich, noch weiterzulesen.

Sam Savage

Sam Savage wurde in South Carolina geboren und lebt heute in Madison, Wisconsin. Er promovierte in Philosophie, unterrichtete auch kurzfristig, arbeitete als Tischler, Fischer, Drucker und reparierte Fahrräder. "Firmin" ist sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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