Ulrike Draesner - Spiele

Originaltitel: Spiele
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2007
489 Seiten, ISBN: 3442736366

In München ist die Vorfreude spürbar – in wenigen Tagen sollen die Olympischen Sommerspiele in der Stadt stattfinden. Eine U-Bahn wurde extra gebaut, die Stadt hat sich herausgeputzt, die Bewohner sich mit Fernsehgeräten eingedeckt.

Auch die Familie mit Katja Berweski hat sich von der allgemeinen Aufregung anstecken lassen, die Eröffnung wird gemeinsam am neu ausgeliehenen Farbfernsehgerät angesehen; und bei der einen Gelegenheit, zu der Katja und ihr Vater Edgar tatsächlich ins Stadion gehen, beginnt für den Witwer nach vielen Jahren nun eine neue Liebe.

Auch Katja hat in diesem Herbst noch mit den Nachwirkungen ihrer ersten Liebe zu kämpfen; die Zwölfjährige hatte geglaubt, in Max, dem fünf Jahre älteren, etwas Besonderes gefunden zu haben; aber dann, als sie ihm die besten Stücke aus der Zuckersammlung ihres Großvaters in den Garten zum Ansehen mitbringt und er sie nicht beschützt, als die Clique sich darüber lustig macht und die stibitzten Stückchen aufisst, bricht für sie eine Welt zusammen.

Sie erhält die Gelegenheit, sich an ihm zu rächen, ihn lächerlich zu machen. Die Max-Razzia wird die Aktion noch später im Bekanntenkreis genannt; Max war daraufhin von der Schule gegangen und hatte sich für den Polizeidienst gemeldet.

Und nun war er bei den Olympischen Spielen eingesetzt.

Dreißig Jahre später, aus Katja ist in der Zwischenzeit eine erfolgreiche Fotoreporterin geworden, bringen Gesundheitsprobleme sie dazu, sich endlich den Themen aus der Vergangenheit zu stellen – allem voran den Schuldgefühlen, die sie Max gegenüber empfindet. Denn dieser war in Fürstenfeldbruck in die dramatischen Ereignisse verwickelt, wurde schwer verletzt – wäre all das nie geschehen, wenn sie damals nicht ihr Spiel mit ihm gespielt hätte?

Aber erst will sie Klarheit darüber erhalten, was damals wirklich geschah, und sie beginnt zu recherchieren…

So erlebt man als Leser die Geiselnahme und das dramatische Ende sowohl aus der Perspektive der damals zwölfjährigen, die diese zeitgeschichtlichen Ereignisse zwar bedrückt miterlebt, aber doch viel stärker mit ihren widersprüchlichen Gefühlen für Max und der Tatsache, dass es im Leben ihres Vaters eine neue Frau gibt, beansprucht wird, als auch aus Sicht der Erwachsenen, die feststellen muss, wie viele Informationen zu den Ereignissen widersprüchlich sind oder gar nicht erst erhältlich.

Vieles an diesem Roman empfand ich als ausgesprochen gelungen. So stellt die Autorin beispielsweise eine Verbindung zwischen den Entführern, den Mitgliedern des Schwarzen Septembers, zu den Berewskis her – beide treibt die Suche nach der verlorenen Heimat um, ein Thema, das in meinen Augen sehr einfühlsam dargestellt wurde.

Auch den Schilderungen zu den Ereignissen des Septembers 72 merkt man an, wie gründlich recherchiert wurde, wie viel damals schief gelaufen ist, wie schlecht die Kommunikation funktioniert hat. Und wie sehr immer noch versucht wird, eine Wahrheitsfindung zu unterbinden.

Gerade zu Beginn des Romans fühlt man sich sehr schnell in dieses München 1972 hineinversetzt; die Atmosphäre ist unglaublich dicht, die Beschreibungen grandios, alleine dafür hat sich die Lektüre gelohnt.

Die eigentliche Rahmenhandlung jedoch, diese nicht bewältigte Schuldfrage aus fast noch Kinderjahren, die die Erwachsene noch so umtreibt, konnte mich aber sehr viel weniger überzeugen, wie auch der Roman selbst gegen Ende nicht mehr hält, was der Anfang versprach.

Dennoch – eine sehr lohnenswerte Lektüre!

Ulrike Draesner

Ulrike Draesner wurde 1962 in München geboren und lebt heute als Lyrikerin, Romanautorin und Essayistin in Berlin. Sie studierte in München und Oxford Anglistik, Germanistik und Philosophie, übersetzt Poesie aus dem Englischen arbeitet intermedial. Sie hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Mitgift
  • Spiele
  • Vorliebe
  • Richtig liegen

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