Caroline Thompson - Die Tyrannei der Liebe

Originaltitel:
Sachbuch. Verlag Antje Kunstmann 2008
192 Seiten, ISBN: 388897528X

Wenn Eltern zu sehr lieben: Perfekte Erziehung und die Ambivalenz unserer Gefühle

Obwohl die Liebe in den Paar-Beziehungen immer weniger als verlässlich angesehen wird, Trennungen nach wie vor stetig steigen, weil die gelebte Beziehung nicht mehr den Idealvorstellung einer Liebe entspricht, setzt man in der Kindererziehung immer mehr auf genau dieses brüchige Gefühl, im Glauben, damit genug Grundlage zu haben.

In einem längeren geschichtlichen Abriss zeigt die Autorin auf, wie sich das heutige Modell der Kindesliebe in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt hatte, wie weit entfernt davon man noch vor gar nicht so langer Zeit davon war, das Kind ins Zentrum unserer Beziehungen zu setzen. Anhand von Fällen aus ihrer psychiatrischen Praxis zeigt sie dann auf, welche Fallstricke das heute gelebte Modell der bedingungslosen Liebe so anbietet.

Denn so bedingungslos ist diese Liebe nicht: Eltern wollen vor allem widergeliebt werden. Erziehung, Strafe, all das unterbleibt oft aus Angst davor, von den Kindern nicht mehr geliebt zu werden. Eltern wollen die besten Freund eihrer Kinder sein, die Grenzen zwischen den Generationen verschwimmen immer mehr, was auch an der Kleidung gut zu sehen ist.

Und vor allem aber bemängelt die Autorin, dass die anderen Gründe, Kinder in die Welt zu setzen, um nämlich etwas weiterzugeben, zu lehren, eine Kontinuität in der Geschichte zu erreichen, ersatzlos gestrichen wurden..

Nicht alle dieser Punkte empfand ich für mich - als frischgebackene Mutter - auch als relevant. Aber der Ansatz der Autorin, darauf hinzuweisen, dass es nun mal nötig ist, sein Kind zu enttäuschen, dass der Perfektionsdrang, dem sich vor allem Mütter ausgesetzt sehen, auch die negative Kehrseite hat, dass Kinder sich dadurch oft nicht abgrenzen können, den fand ich durchaus interessant.

Liebe und Hass sind Gefühle, die nah aneinanderliegen, die oft ineinander übergehen. Wut auf die Eltern, aber umgekehrt auch auf die Kinder, ist ein Gefühl, das vorhanden ist, das man sich aber häufig nicht eingesteht. Wohlgemerkt: es geht nicht darum, diese Wut am anderen auszulassen, sondern sich einzugestehen, dass es neben der Liebe manchmal eben vorhanden ist.

Ich konnte nicht alles in diesem Buch nachvollziehen, ich fand auch einige der Fallbeispiele etwas überspannt. Missfallen hat mir außerdem, dass mit dem Titel des Buches erneut in die derzeit recht aktuelle Kerbe des Kindes als Monster geschlagen wird, obwohl ich den Inhalt gar nicht so extrem empfand. In meinen Augen ist das Buch durchaus eine gute Diskussionsgrundlage.

Caroline Thompson

Caroline Thompson arbeitet als Psychoanalytikerin in der psychiatrischen Abteilung für Kinder und Jugendliche am Hopital de la Pitie-Salpetriere in Paris sowie als selbstständige Familientherapeutin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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