Anna Enquist - Kontrapunkt

Originaltitel: Contrapunt
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2008
224 Seiten, ISBN: 3442739691

Fast ebenso schmerzlich wie den Verlust der geliebten Tochter empfindet die Mutter es, dass ihr die Erinnerungen an sie langsam entgleiten. Mit aller Kraft stemmt sie sich gegen den Lauf der Zeit, orientiert sich an einem alten Indianerstamm, von dem sie gelesen hatte, der mit dem Rücken zur Zukunft steht und mit dem Gesicht in die Vergangenheit blickt.

Das Einstudieren der Goldberg-Variationen von Bach hält sie aufrecht. Schon einmal hatte sie sich diese erarbeitet - damals mit zwei kleinen Kindern, für die sie stets bereit sein musste, alles stehen zu lassen. Die Aria, das erste und letzte Stück dieser Variationen, war zu "unserem Lied" geworden, wie die Tochter es nannte. Und so wie diese Kleinigkeit verbindet sie während des Studiums immer mehr Gegebenheiten mit dem viel zu früh beendeten Leben ihrer Tochter.

Anna Enquist ist das große Wagnis eingegangen, die Struktur ihres Romans durch die Variationen vorgeben zu lassen. Jede Variation, die erklingt, hat ein Thema, hat etwas zu erzählen, hat Stimmen, die sich aufeinander zu oder voneinander weg bewegen, miteinander oder gegeneinander laufen. Diese Akzente, die im Übrigen für einen Musik-Laien wie mich wunderbar zu lesen waren, werden bei ihr auch in den Erinnerungen aufgegriffen.

Das funktioniert manchmal berührend gut. Zum Variation 3, Canone all´ Unisono, verbindet sie die Geburt des Kindes, sein Auftauchen in der Welt, die Störung der perfekten Symbiose, die während der Schwangerschaft geherrscht hatte:

Unter dem Gespinst der einander durchdringenden Stimmen war ein dunkler Gesang zu vernehmen: ein stetig fortschreitender Bass, der die Harmonien des Ursprungs, der Aria, angab. Im Laufe des Kanons wurde diese Basspartie lebendiger und sang in kleineren Notenwerten mit den höheren Stimmen mit. Der Bass ließ sich nicht wegdenken, er mischte sich ins Geschehen ein und wurde zum unverzichtbaren Bestandteil des Ganzen.
Der Vater lernt das Kind neun Monate später kennen als die Mutter. Das ergibt einen Rückstand. [..] Allmählich findet eine Annäherung statt. Der Vater hebt das Kind aus der Wiege. Das Kind riecht einen neuen, anderen Geruch und hört eine tiefere Stimme. [..] Immer näher bewegt sich der Bass auf die beiden Kanonstimmen zu. Nicht mehr wegzudenken.


Ich habe während des Lesens die von Glenn Gould eingespielten Variationen laufen lassen, mir immer wieder konzentriert den dazugehörigen Kanon angehört, dank der für mich als Musiklaien sehr nachvollziehbaren Schilderungen der Autorin darin auch immer wieder Neues entdeckt und daher vieles an dieser Lektüre wirklich mit vielen Sinnen genossen.

Aber die formale Begrenzung, die sie sich durch die Anlehnung auferlegt hat, hat auch ihre Tücken. So, wie die namenlose Protagonistin am Anfang selbst bemerkt, dass die Abfolge der einzelnen Variationen gerade im Mittelteil ihr wie Brei erscheinen, so verliert auch der Text seine Prägnanz. Es wird eintöniger, die Erinnerungen an die Tochter beinhalten immer schon in den vorangegangenen Variationen vorausgenommene Einzelheiten, fügen aber so wenig Neues hinzu, dass es repetitiven Charakter annimmt. Und dazu kommt, dass der Blick auf diese Tochter eben sehr stark vom Verlust geprägt ist; ein derart leuchtendes, engelsgleiches Wesen wie die junge Frau vermag ich mir gar nicht auszudenken. Das hat meine Lesefreude gerade gegen Ende hin, als auch die Erzählung sich immer mehr der Gegenwart annähert, etwas geschmälert.

Insgesamt war und bin ich vom Anfang des Romans sehr begeistert, was allerdings leider nicht bis zum Ende durchgehalten wurde. Wie ein besserer Musik - und Literaturkenner diesen Roman beurteilt, werde ich wohl erst eine ganze Weile nach der Lektüre feststellen können - im Moment bin ich vor allem froh darum, ihn ohne äußere Einflussname gelesen zu haben.

Anna Enquist

1945 geboren, ist klinische Psychologin und ausgebildete Pianistin. Sie arbeitet als Psychoanalytikerin in Amsterdam.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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