Andrea de Carlo - Das Meer der Wahrheit

Originaltitel: Mare delle verità
Roman. Diogenes 2008
352 Seiten, ISBN: 3257066643

Telefonisch erhält Lorenzo von seinem Bruder Fabio die Nachricht, dass der Vater gestorben sei - sofort macht er sich daraufhin auf nach Rom. Während der Fahrt ist er noch viel zu betäubt, um sich klarzumachen, was dieser Verlust wirklich für ihn bedeutet. Der Trubel, der ihn in der Wohnung des Vaters erwartet, ist für besinnliche Einkehr auch nicht der richtige Ort.

Er war ein bekannter Mann, der Vater, sehr erfolgreich. Auch Lorenzos Bruder Fabio ist sehr erfolgreich als Politiker; dazu seit vielen Jahren mit einer bekannten, sehr attraktiven Frau verheiratet, ein Sohn - ein perfekter Lebenslauf, ganz anders als der Lorenzos, der als Autor arbeitet und meist zurückgezogen in einer kleinen Hütte in den Bergen lebt.

Dass Fabio das Begräbnis des Vaters für einen medienwirksamen Auftritt nutzt, bereitet Lorenzo dann doch leises Unbehagen. Als er sich kurz ein wenig zurückzieht, wird er von einer sehr attraktiven jungen Frau angesprochen. Sie erzählt ihm von einem Kardinal Ndionge, der auch hier begraben liegt; aber noch ehe Lorenzo feststellen kann, was ihr eigentliches Anliegen ist, ist sie schon verschwunden. Nur so viel erfährt er: dass sein Vater etwas aufbewahrt hat, das für eine Organisation, für die sie tätig ist, wichtig ist.

Die nächste Begegnung der Beiden verläuft dann noch rätselhafter: noch während Lorenzo mit seiner Schwägerin eine erste Sichtung der Hinterlassenschaft seines Vaters vornimmt, wird in die Wohnung eingebrochen, und der Eindringling verschwindet auf einem Motorroller, der von ebendieser jungen Frau gefahren wird.

Das macht Lorenzo neugierig. Über die Organisation spürt er Mette und ihren krauskopfigen Freund auf und von ihnen erfährt er nun auch, wonach sie suchen: der Kardinal Ndionge hatte kurz vor seinem AiDS-Tod ein Pamphlet verfasst, in dem er die Vorgehensweise der Kirche aufs Schärfste kritisiert. Das von der Kirche ausgesprochene Verbot der Empfängnisverhütung, die Missachtung von Kondomen haben zur ungehinderten Verbreitung schwerer Krankheiten geführt - und vor allem auch zu einem geradezu explosionsartigen Bevölkerungswachstum. Mit einem Schreiben aus dem Inneren dieser Machtzentrale muss dabei doch etwas Bewegung entstehen, davon ist Mette überzeugt - und auch Lorenzo teilt ihre Meinung.

Fabio hingegen ist die weitere Zukunft nicht so wichtig wie die aktuellen politischen Umfragewerte - er ist es auch, der das einzige bekannte Exemplar an seine Freunde bei der Kirche ausgehändigt hatte, und somit die Veröffentlichung verhinderte.

Doch irgendwo befindet sich noch eine Kopie… und die wollen Mette und Lorenzo um jeden Preis finden…

Andrea de Carlo, höchst unzufrieden mit der politischen Realität in Italien, hat mit "Das Meer der Wahrheit" einen Roman vorgelegt, dem man sehr deutlich den Wunsch anmerkt, einige Missstände in Italien auf diesem Wege einem breiteren Publikum bewusst zu machen. Wie er Fabio skizziert, dessen permanentes Schielen nach Öffentlichkeit, die sehr schwammige politische Aussage, die er vertritt - man kann sich gut vorstellen, dass das (nicht nur in Italien) zur Realität gehört.

Auch sein soziales Engagement für bessere Geburtenkontrolle, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, vertritt er mit Vehemenz. Und drumherum gibt es dann eine Geschichte, die mich ehrlich gesagt ab der Hälfte immer mehr enttäuscht hat.

Aus einem Buch, in dem ein Mann in der Mitte des Lebens sich mit dem Verlust des Vaters auseinandersetzt und einen Einblick in das Leben des einzigen Bruders erhält, dessen Anschauungen er nicht teilt, wird eine ziemlich kitschige Liebes- und Verfolgungsgeschichte. Denn natürlich entwickelt sich zwischen Mette und Lorenzo mehr als nur eine Interessensgemeinschaft; das war schon nach der Schilderung der ersten Begegnung vorherzusehen.

Mich hat die Verfolgungsjagd und die Suche nach einer vielleicht doch noch vorhandenen Kopie zunehmend gelangweilt; dabei hätte es für mich eine Menge sehr interessanter Themen in diesem Buch gegeben, über die ich gerne mehr gelesen hätte stattdessen. Schade!

Andrea de Carlo

Andrea de Carlo wurde 1952 in Mailand geboren. Nach Aufenthalten in den USA und Australien schrieb er seinen ersten Roman "Creamtrain" der - von Italo Calvino entdeckt - ein internationaler Bestseller wurde.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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