Franz Werfel - Eine blassblaue Frauenschrift

Originaltitel: Eine blassblaue Frauenschrift
Roman. Süddeutsche Bibliothek 2008
109 Seiten, ISBN: 3866155425

Ein weiterer Schwung Gratulationsbriefe - mehr hatte Leonidas nicht erwartet, als er am Morgen seines 50. Geburtstags flüchtig die Morgenpost durchblätterte. Doch bei einem Kuvert stockt sein Blick - diesen Brief, adressiert mit blassblauer Tinte in dieser unerkennbaren Frauenschrift, braucht er nicht zu öffnen, um zu wissen, von wem er stammt.

Es gab schon einmal einen Brief wie diesen, fünfzehn Jahre ist es jetzt her - und damals hatte er ihn ungeöffnet weggeworfen. Und diesmal?

Er hatte es sehr weit gebracht, dieser Leonidas. In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, hatte er sich während seines Studiums als Hauslehrer verdingt. Dabei hatte er sie auch das erste Mal gesehen, jene Verfasserung der Briefe - Vera Wormser. Kaum eines Blickes hatte sie ihn damals gewürdigt, so sehr er sich auch angestrengt hatte, sie zu beeindrucken.

Ein geerbter Frack hatte dann für ihn die Wende gebracht; "Ein Frack! Wer ihn besitzt, darf Bälle und andere gesellschaftliche Veranstaltungen besuchen. Wer in seinem Frack gut aussieht und überdies ein besonderes Tanztalent besitzt wie Leonidas, der erweckt rasch Sympathien, schließt Freundschaften, lernt strahlende junge Damen kennen, wird in erste Häuser eingeladen." Und als sich die junge, bildhübsche Amelie in den Kopf setzte, Leonidas zu heiraten, hatte er auch wirtschaftlich ausgesorgt, galt sie doch als reichste Erbin Wiens.

Die Wiederbegegnung mit Vera Wormser fand kurz nach der Hochzeit mit Amelie statt; aus beruflichen Gründen waren sie damals für eine Weile getrennt, während er sich in Heidelberg aufhielt. Und diesmal trat er Vera nicht als Bittsteller gegenüber, sondern als ein wohlhabender Mann, der auch politisch bereits einiges erreicht hatte. Eine stürmische Beziehung nahm ihren Anfang. Beim Abschied hatte er Vera noch versprochen, sie in zwei Wochen nachzuholen nach Wien - und sich dann nie wieder bei ihr gemeldet.

Und nun also dieser Brief. Der zweite Brief. Den ersten hatte er nicht lesen wollen, nicht wissen wollen, was er ohnehin ahnte - dass der kurzen Verbindung wohl ein Kind entsprungen sein könnte. Tatsächlich bittet Vera ihn auch - in einem sehr förmlichen Schreiben - um Unterstützung für einen jungen Mann, der in Deutschland - wir schreiben das Jahr 1936 - das Abitur nicht mehr machen kann, da er jüdischer Abstammung ist. Für ihn bittet sie um Aufnahme in eine Wiener Schule.

Ganz sicher ist er sich, dass dieser junge Mann sein Sohn ist. Und sofort verändert sich seine Haltung; er agiert im Amt anders, befürwortet zum Befremden seiner Vorgesetzten einen jüdischen Wissenschaftler für eine Professur, den er davor schon selbst als untragbar ausgesondert hatte. Und nimmt sich fest vor, mittags seiner Frau zu beichten, was geschah - so weit gehen seine Gedanken schon, den Jungen zu sich zu holen, ihn bei sich weiter aufwachsen zu lassen.

Aber mittags läuft alles anders als geplant; Leonidas, der in einem plötzlichen Anfall von Misstrauen das Zimmer seiner Frau nach möglichen Spuren eines Seitensprungs untersucht, kommt nicht dazu, seine Beichte abzulegen. Das macht dafür Amelie, der am Morgen der Brief nicht entgangen war. Vertan die Chance, Aufrichtigkeit in sein Leben zu bringen; am Abend in der Oper, nach dem für ihn ernüchternd verlaufenden Gespräch mit Vera, erkennt er das auch:

Während er unter der drückenden Kuppel dieser stets erregten Musik schläft, weiß Leonidas mit unaussprechlicher Klarheit, dass heute ein Angebot zur Rettung an ihn ergangen ist, dunkel, halblaut, unbestimmt, wie alle Angebote dieser Art. Er weiß, dass er daran gescheitert ist. Er weiß, dass ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird.


Franz Werfel

Franz Werfel, 1890 in Prag geboren, veröffentlichte schon 1908 erste Gedichte. 1912 verließ er seine Heimatstadt und arbeitete als Lektor im Leipziger Kurt Wolff Verlag. Während des Ersten Weltkrieges war er Soldat, im Spätsommer 1917 wurde er ins Wiener Kriegspressequartier versetzt. In den 20er und 30er Jahren avancierte Werfel zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. 1938 emigrierte er nach Frankreich, 1940 über Spanien in die USA. Dort starb er 1945 in Beverly Hills.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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