Jhumpa Lahiri - Einmal im Leben

Originaltitel: Unaccustomed Earth
Erzählung(en). Rowohlt Verlag 2008
176 Seiten, ISBN: 3498039296

Eines vorweg: Die Erzählung "Einmal im Leben" ist im Original eine von acht Erzählungen, die im Kurzgeschichtenband "Unaccustomed Earth" erschienen sind.

Schon der Untertitel verrät: es handelt sich um eine Liebesgeschichte. Wann Hema und Kaushik sich das erste Mal trafen - sie könnten es nicht mehr sagen. Sie waren Kinder; ihre Mütter hatten sich kennen gelernt, als Hemas Mutter gerade schwanger geworden war. Die zwei bengalischen Frauen wären sich in Kalkutta wohl nie begegnet, doch in Massachusetts waren sie beide fremd und bald eng befreundet. Doch nachdem Kaushiks Eltern nach Indien zurückgezogen waren, war der Kontakt zwischen den Paaren abgebrochen.

Doch dann kam, völlig überraschend, die Anfrage, ob sie für einige Wochen bei Hemas Eltern wohnen könnten - Kaushiks Eltern wollten nach fast zehn Jahren zurück in die Staaten, und die Zeit, bis sie ein neues Haus gekauft hätten, überbrücken. Es ist ein seltsamer Besuch; die Familie bleibt viele Wochen, aber die alte Vertrautheit will sich nicht wieder einstellen. Und ganz überraschend verliebt Hema sich in den etwas älteren, zurückgezogenen Kaushik, auch wenn sie viel zu schüchtern ist, sich mit ihm zu unterhalten.

Nach dem Auszug verlieren sich die beiden Familien fast sofort wieder aus den Augen; erst zwanzig Jahre später begegnen Hema und Kaushik sich in Rom wieder. Nach einer langen, glücklosen Beziehung mit einem verheirateten Mann steht Hema kurz davor, einen Inder zu heiraten, den sie durch die Vermittlung ihrer Eltern kennen gelernt hatte. Ihr Herz verliert sie aber an Kaushik…

Jhumpa Lahiri ist eine Autorin, die es wunderbar versteht, ganz unaufgeregt zu erzählen und den Leser damit in Bann zu ziehen. Diese Geschichte um zwei Menschen, die sich in gewisser Weise ein Leben lang kennen und dann auch noch lieben lernen, hat mich sehr berührt. Leider kann ich manche wichtige Details hier nicht verraten, weil es den zukünftigen Lesern den Spannungsbogen nehmen würde; aber ich hatte die traurige Wendung, die Ursache für die Rückkehr der einen Familie nach Amerika war, als unglaublich einfühlsam geschildert erlebt.

Das Ende kam dann in gewisser Hinsicht wie ein Schock; sehr überraschend für mich, aber in der Konsequenz wunderbar stimmig.

Ich habe diese leise Geschichte sehr gerne gelesen, wobei mich weniger die Liebesgeschichte an sich, als die - den größeren Teil der Erzählung einnehmende - Vorgeschichte. Diese ist zweigeteilt, einmal aus Hemas, dann aus Kaushiks Perspektive erzählt. Als Leser erfährt man viel über die Befindlichkeiten dieser beiden. "Melancholie der Ankunft" heißt ein älterer Roman der Autorin. Und Melancholie ist auch das, was ich beim Lesen dieser Erzählung empfand.

Wunderbar erzählt!

Jhumpa Lahiri

Jhumpa Lahiri wurde 1967 als Tochter bengalischer Eltern in London geboren und wuchs in Rhode Island, USA, auf. Sie studierte Literaturwissenschaften in Boston und lebt heute in New York. Für "Melancholie der Ankunft" wurde sie 2000 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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