Paul Torday - Bordeaux. Ein Roman in vier Jahrgängen

Originaltitel: The Irresistible Inheritance of Wilberforce - A Novel in Four Vintages
Roman. Berlin Verlag 2008
336 Seiten, ISBN: 3827008085

Vier Jahre aus dem Leben des Mittdreißigers Wilberforce werden in diesem Roman geschildert - vier Jahre, oder, wie der Weinkenner es ausdrücken würde: vier Jahrgänge, die aus dem hart arbeitenden Softwareentwickler Wilberforce einen Weinkenner gemacht haben, der sich mit seinem zunehmenden Alkoholkonsum in großer Geschwindigkeit zu Tode trinkt.

Dabei erlebt der Leser Wilberforce am Ende dieser Reise, die Geschichte wird rückwärts erzählt. Die erste Begegnung des Lesers mit der tragischen Hauptfigur des Romans findet in einem Restaurant der Spitzenklasse statt. Doch nicht die anerkannt gute Küche hat Wilberforce in dieses Lokal gelockt, sondern eine Entdeckung auf der Weinkarte: ein seltener Bordeaux, Jahrgang 1982, Kostenpunkt 3000 Pfund. Pro Flasche. Zwei Flaschen hat das Restaurant vorrätig, beide trinkt er, weil er es nicht ertragen könnte, sie einem anderen zu gönnen. Den ganzen Tag schon hatte er sich auf dieses Geschmackserlebnis eingestellt, hatte zur Vorbereitung ein paar andere Flaschen aus der Region getrunken, dann, zur Unterstreichung des Geschmacks, Lamm bestellt, von dem er nur wenige Bissen zu essen gedenkt - so viel, wie eben nötig ist, um die letzten Geschmacksnuancen zu erschmecken.

Er nimmt kein schönes Ende, dieser Abend - irgendwie wird er nach Hause verfrachtet, und er selbst kommt erst Tage später wieder zu sich, von seinem Arzt wieder einmal eindringlich ermahnt und mit Informationen versorgt, wie sein Krankheitsverlauf wohl weiter aussehen wird, wenn er nicht aufhört zu trinken.

Realitätsverlust ist eine der Begleiterscheinungen - und darunter leidet er zunehmend. Wobei - leidet er wirklich darunter? Ist es so viel schlimmer, sich vorzustellen, er wäre in Bogotá in gefährlicher Mission unterwegs, als sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass seine Frau Catherine nicht mehr lebt - und er zwar nicht am Steuer des Unfallwagens saß, aber trotzdem nicht ganz unschuldig an ihrem Tod ist?

Schritt für Schritt wird der Leser mitgenommen auf der Reise in die Vergangenheit, erfährt, wie es dazu kam, dass Wilberforce seine gutgehende Firma verkauft hat, und vom Erlös den Weinkeller gekauft hat, den er nun langsam versucht, leerzutrinken.

Es ist ein Roman über einen sehr einsamen Menschen, dessen erste zaghafte Erfahrungen mit Freunschaften ihm einerseits die Liebe einer schönen jungen Frau einbringen, aber auch ein Vermächtnis, das ihn zugrunde richtet.

Aufmerksam wurde ich auf den Autor, weil mir viele Lesefreunde seinen zuvor erschienenen Roman, "Lachsfischen im Jemen", als wunderbar humorvollen Roman geschildert hatten. Von diesem wundervollen trockenen britischen Humor sprachen sie … und ich hatte auch bei "Bordeaux" ehrlich gesagt damit gerechnet, eine heitere Lektüre vor mir zu haben. Diese Erwartungshaltung hat sich nicht bestätigt; "Bordeaux" empfand ich als ausgesprochen traurige Lektüre über den Verfall eines Alkoholikers, der sich seine Sucht nicht einmal selbst eingestehen kann.

Vor einiger Zeit hatte ich zu dem Thema "Alkoholiker" einen wirklich wundervollen Roman von A.L. Kennedy gelesen, "Paradies" - an diesen reicht "Bordeaux" bei weitem nicht heran. Der letztgenannte Roman arbeitet mit vielen Klischees; das des lebensabgewandten Softwareentwicklers, der nur für die Arbeit lebt, ist schon das erste, die Freunschaften, die er schließt, sind nicht weniger stereotyp. Sympathisch wurde mir dieser Wilberforce leider auch nicht wirklich, obwohl ich im Verlauf des Romans zunehmend Mitleid mit ihm entwickelt habe.

Da man ja das Ende schon am Anfang kennt und auch schon recht früh die Eckpunkte der nachkommenden Kapitel erfährt, hatte zumindest ich mir beim Lesen zwischendurch die Frage gestellt, was denn jetzt noch kommen könnte, das mich am Lesen halten könnte. Für mich war es dann eben das zunehmende Mitleid mit dem Protagonisten.

Es war auf jeden Fall ein anderer Roman, als ich erwartet hatte - aber darum nicht weniger lesenswert.

Paul Torday

Paul Torday, geboren 1946, lehrte Englische Literatur am Pembroke College in Oxford. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne aus einer ersten Ehe und zwei Stiefsöhne. Seit mehr als fünfzehn Jahren ist er begeisterter Lachsfischer, und weil er in der Grafschaft Northumberland, ganz in der Nähe des wilden Flusses North Tyne wohnt, hat er auch ausreichend Gelegenheit, seiner Passion nachzugehen

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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