Henning Mankell - Der Chinese

Originaltitel: Kinesen
Krimi. Zsolnay Verlag 2008
603 Seiten, ISBN: 3552054367

Viele Dörfer in Schweden sind sehr abgeschieden von der Umwelt; klein und versteckt liegen sie tief in den Wäldern. Ein Fotograf hat sich zum Ziel gesetzt, einige dieser Dörfer für seinen nächsten Bildband zu dokumentieren. Seine letzte Station sollte ein kleines Dorf bei Hudiksval werden. Er sah die Bilder schon vor sich - der Rauch, der aus den Schornsteinen stieg, gegen den diesigen Morgenhimmel… Doch als er das Dorf erreichte merkte er: es gab hier keinen Rauch. In keinem der Häuser. Als er, neugierig geworden, eines der Häuser betritt, findet er einen Toten. Und noch einen im nächsten Haus…

Insgesamt sind 18 der 21 Dorfbewohner auf bestialische Weise getötet worden - in einer einzigen Nacht. Die Tat eines Wahnsinnigen? Aber welches Motiv sollte dahinterstehen?

Das einzige, was das Ermittlerteam bald herausfindet, ist die Tatsache, dass alle in diesem Dorf auf irgendeine Weise miteinander verwandt war - bis auf die drei Überlebenden.

Auch die Richterin Brigitta Roslin verfolgt die Nachrichten zu diesem Fall - und als sie ein Bild von diesem Dorf sieht, erinnert sie dieses an ein Bild von dem Haus, in dem ihre Mutter aufgewachsen war. Da sie aus gesundheitlichen Gründen ohnehin krankgeschrieben ist und auch mit Eheproblemen zu kämpfen hat, fährt sie kurzerhand in den Norden, um festzustellen, ob es sich bei den Toten tatsächlich um ihre Verwandten handelt. Sie darf sogar die Tagebücher, die sich in dem Haus befanden, behalten - und entdeckt, nachdem sie diese gelesen hat und ein wenig im Intenet recherchierte, Seltsames: einer der Bewohner des Dorfes war nach Amerika ausgewandert und hatte dort bei der Erschließung des Landes durch die Eisenbahn gearbeitet - als Vorarbeiter. In dem Dorf in Nevada, in dem sich seine Nachfahren niedergelassen hatten, hatte ein ähnliches Massaker wie in Schweden stattgefunden - auch hier waren alle Familienmitglieder von einem unbekannten Täter brutal ermordet worden.

Brigitta packt die Neugierde; und das, was ihre Recherchen zu Tage fördern, ist das Bild eines Chinesen.

Als sie kurz danach nach Peking reist, nimmt sie dieses Bild mit. Wie sehr sie sich damit in Gefahr bringt, kann sie nicht ahnen…

Denn in China sitzt ein junger, mächtiger Mann, dessen Vorfahren einst nach Amerika verschleppt wurden und die dort zum Eisenbahnbau gezwungen wurden. Besonders gelitten hatten sie unter einem schwedischen Vorarbeiter. Nur einer der Brüder hatte diese Tortur überlebt, nur einer war nach China zurückgekehrt, hatte dort Lesen und Schreiben gelernt und ein Vermögen gemacht - und den Hass von Generation zu Generation weiter geschürt.

Dies sind allerdings erst zwei der im Buch aufgeführten Handlungsstränge - es gibt eine lange Passage, in der Mankell klar macht, dass er hier nicht nur einen Krimi schreiben wollte, sondern auch auf eine Entwicklung aufmerksam machen will: auf die Kolonialisierung Afrikas durch China. Es ist sicher Geschmackssache, ob man mit der zunehmenden Präsenz Afrikas in Mankells Krimis / Romanen einverstanden ist. Bislang empfand ich es meistens als zu aufgesetzt - aber was er diesmal schildert, hat mich doch sehr nachdenklich gemacht und nochmal ein Bewusstsein dafür geweckt, wie sehr Geschichtsschreibung davon abhängt, aus welcher Perspektive Geschichte erzählt wird.

Kurzum: auch wenn ich aus Krimi-Leser-Sicht einige Punkte gegen dieses Buch einzuwenden habe, wenn mir auch manche Wendung zu arg zufällig erscheint, oder Personen in einer Ausfürhlichkeit eingeführt werden, die eigentlich nicht nötig wäre - und auch, wenn der Anfang sehr viel mehr verspricht, als dann am Ende gehalten wird: "Der Chinese" war seit längerer Zeit mal wieder ein Mankell, den ich richtig gerne gelesen habe.

Henning Mankell

Henning Mankell, 1948 in Häjedalen geboren, ist einer der angesehensten Schriftsteller Schwedens. Er lebt als Regisseur und Autor in Maputo / Mosambik.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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