Alan Bennett - Die souveräne Leserin

Originaltitel: The Uncommon Reader
Erzählung(en). Wagenbach Verlag 2008
120 Seiten, ISBN: 3803112540

Die Hunde sind schuld. Die nämlich waren laut bellend in den jeden Mittwoch am Buckingham Palace haltenden Bücherbus gelaufen. Und die Queen hatte sich daraufhin verpflichtet gefühlt, ein Buch auszuleihen.

Wenn die Queen sich durch eines auszeichnet, dann durch Pflichtbewusstsein - und so hatte sie das Buch nicht nur gelesen, sondern sich am nächsten Mittwoch auch das nächste ausgeliehen. Diesmal durch einen Glücksgriff eine zugänglichere Lektüre als beim ersten mal. Und außerdem war sie mit dem Küchenjungen ins Gespräch gekommen, der ganz offensichtlich etwas von Büchern verstand. Ein so heller Kopf in der Küche? Die Queen macht ihn kurzerhand zu ihrem persönlichen Pagen, der für sie entsprechenden Lesestoff besorgen soll.

Und das ist erst die erste der von ihrem Hofstaat äußerst misstrauisch beäugten Veränderungen.

Plötzlich verändern sich die Gespräche, die die Queen mit ihren Besuchern führt. Unerquicklicherweise werden diese nicht mehr wie früher über die Art ihrer Anreise befragt, sondern nach der aktuellen Lektüre. Sogar in Staatsgespräche bringt sie dieses Thema ein. Und sie ist nicht mehr so pünktlich wie früher. Und achtet nicht mehr unbedingt darauf, ob sie eine Brosche eventuell schon einmal getragen hat in den letzten 14 Tagen. Kurzum, ihre Umgebung ist sich einig: eine lesende Königin, dagegen muss man etwas unternehmen…

Alan Bennett ist hier einmal mehr ein höchst vergnügliches Werk gelungen. Gemeinsam mit der Queen macht der Leser sich auf in die Bücherregale, um die dortigen Schätze zu bergen. Dass man auch in späten Jahren noch sein Herz an die Literatur verlieren kann, dass schon ein wenig Führung ausreicht, um aus der Fülle des Angebots herauszufiltern, was dem eigenen Leserinteresse entspricht, das ist der eine Anstoß, den man diesem Buch entnehmen kann. Und ganz nebenbei: einen schöneren Appell mit dem Lesen zu beginnen habe ich glaube ich noch nicht gelesen.

Dass Bücher für sich sprechen und die Begegnung mit einem Autor nicht unbedingt ebenso schöne Stunden bereitet erfährt man auch noch ganz nebenbei; es sind also auch etliche nette kleine Spitzen enthalten, die mir immer wieder ein Schmunzeln entlockt haben.

Bennetts wunderbar lakonischer Erzählstil macht aus diesem schmalen Band eine ausgesprochen anregende Lektüre - auf jeden Fall eine Empfehlung!

Alan Bennett

Alan Bennett, 1934 in Leeds geboren, ist einer der populärsten unter Großbritanniens Dramatikern. Er schreibt für Radio, Fernsehen und hat ua eine Theaterfassung des englischen Kinderbuchklassikers "Der Wind in den Weiden" verfasst. Berühmt wurde die von der BBC für ein Millionenpublikum gesendete Hörspielreihe "Talking Heads"

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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