Martin Walser - Ein liebender Mann

Originaltitel: Ein liebender Mann
Roman. Rowohlt Verlag 2008
288 Seiten, ISBN: 349807363X

Die gute Gesellschaft trifft sich in Marienbad; man kurt, trinkt Wasser, promeniert, plaudert mehr oder weniger geistreich - darunter auch ein älterer Herr, der sich seines Ansehens sehr bewusst ist, und der auch eitel darauf achtet, im besten Licht gezeigt zu werden.

Besonders wichtig ist es ihm, von den richtigen Menschen so wahrgenommen zu werden, wie er wahrgenommen werden möchte - ins Gespräch vertieft, frisch und straff, fast jugendlich in der Erscheinung, gepflegt - die Rede ist von Geheimrat Goethe. Und die, von der er so gesehen werden möchte, ist ein junges Mädchen noch, Ulrike von Levetzow. Ein zartes Umwerben ist es erst, ein Werben, das sich nicht eingestehen will, eines zu sein; als Aufmerksamkeit, die der gesamten Famliie, der Mutter, den Schwestern gilt, tarnt es sich. Doch da ist diese Verbundenheit, dieses Wissen, was der andere sagen möchte; es gipfelt in einem Kostümball, der sie beide ohne Absprache in einander ergänzenden Kostümen zeigt, ihn als Werther, sie als Lotte. Und in einem Kuss, einem keuschen. So dass er es wagt: ihr, trotz des Altersunterschieds, einen Antrag machen zu lassen.

Eine Antwort darauf erhält er nicht; doch das Verhalten der Familie ist Antwort genug. Man zieht weiter, ins nächste Kurbad, und auch dort ist Goehte zwar willkommener Gast, aber in sehr engem Rahmen, die Freiheit, mit seiner Ulrike alleine zu verweilen ihm entzogen. Doch immerhin kann er sie hier noch sehen, sie sprechen - viel schlimmer ist die Zeit, da er wieder zurück muss nach Weimar, wohin der Klatsch und Tratsch ihm vorausgereist ist. Zurück zu einer eifersüchtigen Schwiegertochter, zu einem Leben, in dem er sich verstellen muss, nichts zeigen darf von seiner Trauer… und sie statt dessen in Worte fasst, in die Marienbader Elegie.

Wäre es nicht Goehte, von dem dieser Roman handelt, ich hätte dieses Buch wohl nie gelesen. Die Aussicht, einen weiteren Roman eines in die Jahre gekommenen Autors zu lesen, der von der Liebe zu einer blutjungen Frau schreibt, hätte mich wahrlich nicht gelockt - und in diesem Fall hätte ich etwas verpasst.

Gerade im ersten Teil des Romans lässt Walser seinen Protagonisten auf geradezu berauschende Weise lieben und daran verzweifeln. Er weiß um die Unmöglichkeit der Verbindung, und hofft doch, ist von Eifersucht erfüllt, kämpft auch darum, seine Würde zu bewahren und gibt sich dann doch immer wieder mit dem Mut der Verzweiflung der Lächerlichkeit preis. Als Leser einzutauchen in diese alterslose Verzweiflung, in diese Liebe, die so neu ist, als hätte es keine davor gegeben, ist großartig. Wenn Walser schreibt:

Wenn die Schöpfung je daran interessiert gewesen sein sollte, die Erde, das Menschenleben auf dieser Erde erträglich zu machen, dann fehlte in den Anweisungen, die der Herr durch Moses den Menschen gegeben hat, die wichtigste. Du sollst nicht lieben. Das ist das Gebot Nummer 1. Wahrscheinlich war Moses, als er den 2244 Meter hohen Gesetzgebungsberg erstiegen hatte, zu erschöpft und kriegte das erste Gebot, das der Herr erließ, gar nicht mit. Ein tragisches Versäumins und nicht wiedergutzumachen. Wenn Moses dieses Gebot mitgebracht hätte vom Sinai, hätte der Menschheit nichts gefehlt außer der Tragödie. Der Ursprung jeder Tragödie ist immer die Liebe gewesen. Und so leicht wäre es gewesen, auszukommen ohne Liebe! Zur Fortpflanzung war sie noch nie nötig. Wozu also Liebe? Dass wir merken, wir leben nicht mehr im Paradies. Dass kein menschliches Leben ohne Leiden bleibe. Keins.


dann ist man als Leser unmittelbar dabei. Und amüsiert sich ganz nebenbei noch, freut sich an der Sprache, dem Bild.

Auch wenn der zweite und dritte Teil des Romans in meinen Augen gegen diesen ersten abfallen, kann ich doch sagen, dass Walser es mit diesem Roman geschafft hat, meine bisherigen Vorurteile ihn betreffend zu zerstreuen und mir Lust zu machen auf mehr Bücher von diesem von mir bislang eher ignorierten Autor.

Martin Walser

Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Der Lebenslauf der Liebe. Gelesen vom Autor
  • Ein fliehendes Pferd
  • Ein springender Brunnen
  • Ehen in Philippsburg
  • Die Verteidigung der Kindheit
  • Der Augenblick der Liebe
  • Tod eines Kritikers
  • Angstblüte
  • Ein liebender Mann
  • Leben und Schreiben. Tagebücher 1974 - 1987

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Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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