A. Manette Ansay - Blauwasser

Originaltitel: Blue Water
Roman. List Verlag 2008
320 Seiten, ISBN: 3471770461

Für Megan und Rex war die Geburt ihres Sohnes Evan ein Wunder, die Erfüllung eines Traums, an den sie schon lange nicht mehr geglaubt hatten, nach all den vergeblichen Versuchen, die vorausgegangen waren, und dem Alter, das sie mittlerweile erreicht hatten.
Bis ihnen eines morgens auf dem Weg zur Schule ein anderer Wagen die Vorfahrt nahm - und damit Evans Leben nach nur sechs Jahren ein Ende bereitete.

Dass die Fahrerin des anderen Wagens den trauernden Eltern nur zu gut bekannt ist, macht die Sache nicht leichter. Und dass diese Frau, Cindy Ann, betrunken gefahren war, erfüllt Megan und Rex mit Zorn. Ihr Leben ist sinnlos geworden - und Cindy Ann sollte weiterhin mit ihren drei Töchtern im großen Haus leben, weiterhin zu viel trinken und danach fahren, ganz so, als wäre nie etwas passiert? Nein, das widerspricht ihrem Empfinden. Und obwohl sie sich damit in dem kleinen Städtchen, in dem sie alle leben, ins Abseits stellen: sie verlangen Entschädigung.

Kann man den Wert eines Menschenleben mit Geld messen? Auch den Beiden ist klar, dass das nicht möglich ist - aber ihre Trauer sucht ein Ventil.

Doch der angestrengte Prozess alleine reicht nicht aus, Megans und Rex Leben wieder zu füllen; bevor ihr Kinderwunsch sich erfüllte, hatten sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, ein Jahr auf See zu verbringen, ihr Haus zu vermieten, sich einfach von einem Hafen zum nächsten treiben zu lassen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, diesen Vorsatz zu verwirklichen.

Um sie herum nur Wasser, als Kontakt zur Außenwelt nur ein Funkgerät - es wäre die Gelegenheit, gemeinsam zu trauern, abzuschließen. Stattdessen ist es eine Reise der Verdrängung - wenn sie gefragt werden, ob sie Kinder haben, antworten sie regelmäßig mit "Nein".

Es ist eine Reise, die sie immer weiter voneinander entfernt. Während Megan, vor allem auch durch die Begegnung mit den Hales und ihrem behinderten Sohn Leon, sich langsam beginnt ihrer Trauer zu stellen, und auch ihrer Wut auf Cindy Ann, erhöht Rex sein tägliches Alkoholpensum immer mehr…

Es gibt in diesem Roman noch eine weitere Ebene - die Geschichte von Cindy Ann, die kurze Zeit der Freundschaft, die sie mit Megan im Alter von 16 Jahren hatte, und die familiäre Bindung der beiden Familien, da Megans Bruder mit Cindy Anns Schwester verlobt ist. Es gab einen Moment damals, da hatte Megan Cindy Ann im Stich gelassen. Und auch diese alte Schuld wird nun mit aufgearbeitet.

Auch wenn mich auch dieser zweite Handlungsstrang emotional sehr angerührt hat - es hätte dieser Wendung nicht bedurft, es war auch so schon eine Menge Stoff zum Nachdenken in diesem Roman enthalten.

Wie dieses Paar mit dem unermesslichen Verlust umgeht, wie unterschiedlich sie die Trauer verarbeiten, wie lange es auch dauert, bis Megan manche Gedanken wieder zu lassen kann, und vor allem feststellt, dass sie loslassen muss, wenn sie irgendwie weiter leben will, das ist ausgesprochen einfühlsam und nachvollziehbar geschrieben.

Es ist zwar ein sehr amerikanischer Gedanke, aus dem Tod eines Menschen Geld zu schlagen - aber es ist ein nachvollziehbarer Gedanke, sich irgendwie rächen zu wollen, dafür sorgen zu wollen, dass nicht nur das eigene Leben in Trümmern liegt. Wie die Autorin es schafft, diese unterschiedliche Entwicklung beim trauernden Paar dem Leser nahe zu bringen, das hat das Buch für mich sehr lesenswert gemacht und mich sehr berührt.

A. Manette Ansay

A. Manette Ansay wuchs im ländlichen Wisconsin als Sprössling einer großen katholischen Farmersfamilie auf. Mit nur 36 Jahren hat Ansay in Amerika bereits vier äußerst erfolgreiche Romane veröffentlicht - darunter "Große Schwester". Heute lebt die Autorin mit Mann und Kind in Florida.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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