Wiebke Eden - Die Zeit der roten Früchte

Originaltitel: Die Zeit der roten Früchte
Roman. Arche Literaturverlag 2008
350 Seiten, ISBN: 3716023752

Hätte man Greta nach dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben gefragt, sie hätte ohne Zögern "der Vater" geantwortet - nur dass solche Gespräche bei ihr zu Hause höchstens Befremden hervorgerufen hätten. Sie sitzen abends vor dem Haus, schweigsam und doch einig - Gespräche finden wenn dann nur über die Schafe statt. Im Vergleich mit ihren jüngeren Schwestern ist sie immer die Grobschlächtige. Und für Vergnügungen, wie Gretas Arbeitskollegin Anna sie pflegt, tanzen gehen, einfach so, hat man in der Familie nichts übrig.

Greta bäckt nachmittags in einem Ausflugslokal Pfannkuchen; und weil das Leben ansonsten an ihr vorbeirauscht, nimmt sie an, was sich ihr bietet. Und das ist in diesem Fall Johannes, ein Musiker, der immer häufiger auf sie wartet nach der Arbeit, sie durch den Wald begleitet und sie die Liebe lehrt.

Er würde sie auch heiraten, will sie heiraten, doch Greta sagt noch nicht ja. Und dann fängt der Krieg an, Johannes ist weg - und Greta schwanger. Und will, auch als ihre Familie ihren Zustand entdeckt und sie bedrängt, nicht heiraten, verrät Johannes nicht einmal, dass hier ein Kind unterwegs ist.

Ein Mädchen ist es. Ein Mädchen, mit dem Greta nicht viel anfangen kann; das schon bald bei der Mutter im Zimmer schläft, von ihr großgezogen wird, zu ihr läuft, wenn es weint.

Und es ist ja Krieg; auch wenn Greta im Lokal hochkant rausgeflogen ist, als ihre Schwangerschaft offensichtlich wird, weil die moralische Empörung der Chefin zu groß ist - da Krieg ist, und Männer fehlen, fängt sie als Straßenbahnschaffnerin an. Und lernt hier einen Mann kennen, bei dem sie auch bleiben könnte…

"Die Zeit der roten Früchte" ist ein seltsames Buch. So sehr mich die Geschichte der jungen Frau, die entgegen der Konventionen der Zeit sich entschließt, ihr Kind zu bekommen, den Vater aber nicht zu heiraten, die lieber beim Vater bleibt, als für einen Mann, den sie nicht liebt, zu dessen Mutter zu ziehen (denn das ist, was sie im Fall einer Heirat befürchtet), auch interessiert hat - die Protagonistin wird so sprachlos dargestellt, dass ich an mancher Stelle an ihren geistigen Fähigkeiten gezweifelt habe.

Diese Greta ist nicht nur sprachlos, wenn es darum geht, Gefühle zu beschreiben - sie wirkt auch sonst recht einfältig, vor allem dann, als sie in späteren Jahren in die Kneipe am Hafen fährt und sich dort mit Schnaps Vergessen und ein kleines Glück antrinkt. Und doch lässt sie einen nicht so schnell los, diese junge Frau. Denn trotz Sprachlosigkeit und einer gewissen Einfalt entwickelt sie doch eine gewisse Beharrlichkeit, die sich vor allem darin äußert, sich nicht in das System pressen zu lassen, egal, in welches. Wenn sie auch nicht weiß, wo sie hin will - wo sie nicht hin will, weiß sie sehr genau.

Und das wird besonders deutlich am Ende des Romans, als es für Greta nur eine Entscheidung gibt: Bleiben. Auf den Vater warten. Auch wenn der vielleicht gar nicht kommt…

Wiebke Eden

geboren 1968 in Jever, lebt in Berlin

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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