Agnes Desarthe - Mein hungriges Herz

Originaltitel: Mangez-moi
Roman. Knaur Verlag 2008
336 Seiten, ISBN: 3426197707

Aus dem Französischen von Andrea Spingler

Myriam hat viele Talente. Sie kann kochen, sie kann überzeugen, sie kann sich selbst Zeugnisse ausstellen und damit die Bank überzeugen, ihr einen Kredit für ein Restaurant zu gewähren. Und da steht sie nun: in ihrem neuen kleinen Restaurant, in dem sie auch wohnt, denn die Miete für eine Wohnung könnte sie nicht auch noch leisten. Die Möbel passen nicht wirklich zusammen, sie hat sie von einem Trödler, es gibt kein Schild vor der Tür, der das Lokal als Restaurant auszeichnet, und doch: bald schon hat sie ihre ersten Kunden, und die fühlen sich sichtlich wohl bei Myriam.

In ihren Träumen wird sie von der Vergangenheit heimgesucht. Ihre Jahre als Köchin im Zirkus sind dabei nur Lehrjahre, in denen sie gelernt hatte, schnell viel aus wenig zu zaubern und zu verwerten. Doch zum Zirkus war sie ja nur gekommen, weil es in ihrem Leben einen ganz dunklen Punkt gibt, eine Schmach, die so groß ist, dass keiner mit ihr darüber sprechen will.

Sie war einmal eine achtbare, verheiratete Frau, hatte einen Sohn, den sie für perfekt hielt - zumindest ein paar Tage lang. Bis ihr Mann ihr diese Liebe mit Gewalt austrieb. Und seither war sie in sich auf der Suche nach dieser reinen Mutterliebe, der bedingungslosen, reinen Liebe, die sie so kurz verspürt hatte, und fand sie nicht mehr. Sie tat alles für ihren Sohn - nach außen hin. Nur richtig lieben konnte sie ihn nicht mehr. Umso erstaunter war sie dann selbst über die Wärme der Gefühle, die sie Hugos Freund Octave entgegenbrachte…

Aber all das ist Vergangenheit - der Kontakt zu Hugo ist ihr verwehrt, warum, das erfährt der Leser erst sehr spät. Auch, ob sie ihn eigentlich haben will, diesen Kontakt…

In der Zwischenzeit wird dem Restaurant Leben eingehaucht; Myriams Stammgäste, zwei junge Schülerinnen, vermitteln ihr den Kellner Ben, der in diesem Lokal eine Lebensanschauung sieht, die er nur zu gerne vertritt. Gemeinsam schaffen sie es, dass das Lokal zu einem Treffpunkt für das Viertel wird - und Myriam sogar davon leben kann…

Der Beginn dieses Romans hat mir, wie ja davor auch schon die Romane der Autorin, sehr gut gefallen. Man begleitet Myriam beim Aufbau ihres Romans, spürt ihren Kummer über etwas, das noch nicht verraten wird, merkt, wie entwurzelt sie ist, mit welchen Idealen sie lebt und wie schwer es ist, diese in eine wirtschaftliche Form umzuwandeln.

Aber je mehr man von ihrer Vergangenheit erfährt, umso mehr fragte ich mich, worauf der Roman eigentlich hinauslaufen soll? Der Dreh- und Angelpunkt ist die fehlende Mutterliebe, die ihr durch eine Ohrfeige so jäh entrissen wurde - und dieser Punkt war und blieb für mich sehr unglaubwürdig. Dass danach auch die Entwicklung des Lokals immer märchenartiger ablief und zum Schluss noch eine seltsame Liebesgeschichte dazukommen musste, hat mich bekümmert - denn in meinen Augen hat die Autorin die gute Ausgangslage dieses Romans für ein seichtes, kitschiges Melodram verschenkt.

Schade - nach der langen Pause, in der es nichts Neues von der Autorin zu lesen gab, hatte ich mich auf eine intensivere Lektüre gefreut.

Agnes Desarthe

Agnès Desarthe, 1966 in Paris geboren, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin in ihrer Heimatstadt. Zunächst machte sie sich als Kinderbuchautorin einen Namen, mittlerweile zählt sie zu den wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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