Hiromi Kawakami - Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

Originaltitel: Sensei no kaban
Roman. Hanser Literatur Verlag 2008
187 Seiten, ISBN: 3446209999

Weil sie sich an seinen Namen nicht mehr erinnern kann, als sie sich zufällig in einer Kneipe begegnen, nennt sie ihn nur "Sensei" - denn ihr Sensei, ihr Lehrer, war er früher. Eigentlich kommt ihr der alte Mann da neben ihr, der zufällig exakt die gleiche Bestellung aufgibt wie sie auch nur vage bekannt vor - aber er kann sich noch gut an sie erinnern, an ihre Zöpfe. Und daran, dass sie im Unterricht nicht besonders gut aufgepasst hat.

Aus diesem ersten Zusammentreffen von Tsukiko und ihrem ehemaligen Japanischlehrer wird fast ein Ritual. Nie verabreden sie sich, und treffen sich in Satorus Kneipe doch immer wieder, um viel zu viel Sake zu trinken. Häufig geht Tsukiko dann auch mit zum Sensei nach Hause, um dort weiterzutrinken - auch wenn es den Konventionen so gar nicht entspricht, dass sie als Frau sich bei ihm betrinkt.

Aber an Tsukiko ist einiges nicht der Norm entsprechend. Sie hat einen guten Job, hat auch immer mal wieder eine Beziehung, die sie aber meist aus Unbehagen vor zu viel Nähe ins Leere laufen lässt. Überhaupt ist sie nicht sonderlich gesellig - und auch ihre Gewohnheiten wirken auf manche eher befremdlich. Ihre Bewegungen sind nicht anmutig, sie trinkt sehr viel, isst viel und gerne, treibt keinen Sport, kurz: besonders weiblich wirkt sie nicht.

Der Sensei hingegen, trotz seines Alters und seiner wunderlichen Sammelwut, ist stets sehr korrekt gekleidet, versteht sich auf die kleinen Gesten, und sei es nur das perfekte Einschenken von Sake.

Und dieses ungleiche Paar hat sich trotz aller Gegensätze sehr viel zu sagen, fühlt sich miteinander so vertraut, dass sie sich in ihren Eigenheiten belassen können. Wie wichtig ihr der Sensei schon geworden ist merkt Tsukiko erst so richtig, als er sie einlädt, am Kirschblütenfest an seiner ehemaligen Schule teilzunehmen. Es ist ein ganz anderes Treffen als die bisherigen; sie erlebt ihn im vertrauten Umgang mit anderen Menschen, vor allem einer anderen Lehrerin; und auch sie selbst trifft bei diesem Fest auf einen früheren Mitschüler, der sich schon damals in sie verliebt hatte und ihr auch heute noch Avancen macht…

Es ist ein ganz sachtes Annähern, das die Autorin hier in wunderbar lakonischer Sprache erzählt. Besonders gefällt mir dabei, wie behutsam sie mit ihren Figuren umgeht: die werden in all ihren Schrulligkeiten durchaus nicht geschont, aber dabei doch so respektvoll geschildert, dass auch der Leser nicht in Versuchung gerät, Tsukiko aufgrund ihres Alkoholkonsums etwa geringzuschätzen.

Hier ist es nicht der stürmische Rausch der Gefühle, der im Vordergrund steht, sondern ein immer stärker werdendes Gefühl von Verbundenheit. Und als Leser hat man das seltene Glück, das Wachsen dieser Nähe selbst mit erspüren zu können. Eine feine kleine Liebesgeschichte!

Hiromi Kawakami

Hiromi Kawakami wurde 1958 in Tokio geboren, studierte Naturwissenschaften und unterrichtete Biologie, ehe 1994 ihr erster Roman erschien. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet und sie zählt zu den populärsten Schriftstellerinnen Japans.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©27.04.2008 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing