Andrew Miller - Zehn oder fünfzehn der glücklichsten Momente des Lebens

Originaltitel: Oxygen
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2006
336 Seiten, ISBN: 342313500X

Dass Alice Valentine nicht mehr lange zu leben hat, weiß sie selbst so gut wie ihre Familie. Ihr Krebs ist zurück, hat im Gehirn Metastasen gebildet - und sie kämpft darum, in Würde sterben zu dürfen, nicht erst, wenn sie geistig schon völlig umnachtet ist. Alec, ihr jüngerer Sohn, ist in dieser letzten Zeit nun zu ihr gezogen; Larry, der ältere und erfolgreichere der Beiden, lebt schon seit Jahren in den Staaten und hatte dort bei einer erfolgreichen Fernsehserie mitgearbeitet.

Doch mittlerweile ist auch sein Leben ziemlich aus den Fugen geraten; er trinkt zu viel (wie schon damals sein Vater), er hat keinen Job mehr, hat Schulden und seine Ehe ist auch an einem kritischen Punkt angelangt. Und doch ist er immer noch der Held für seine Mutter, der strahlende Sieger, der geheime Liebling, in den sie auch gewisse Erwartungen setzt, was ihren Tod angeht.

In einer sehr ruhigen, auf feine Zwischentöne bedachten Spache lässt der Autor vor dem Hintergrund dieses gleichzeitig alltäglichen wie einschneidenden Abschieds die subtilen Spannungen innerhalb der Familie, die Hoffnungen, Ängste und Freuden lebendig werden.

In einem zweiten Handlungsstrang wird ein älterer Schriftsteller, dessen Theaterstück Alec gerade übersetzt, mit seiner Vergangenheit, seinem persönlichen Scheitern während des Aufstands in Ungan, an dem er als junger Mensch teilgenommen hatte, konfontiert und erhält die Gelegenheit, noch einmal aktiv zu werden für ein abstraktes Ziel.

Aber es ist nicht die eigentliche Handlung, die mir an diesem Roman gefallen hat. Im Gegenteil, gerade die Verknüpfung dieser beiden Stränge und so manche Wendung haben mich so gar nicht überzeugt.

Die ganz große Stärke dieses Buches liegt in den wunderbaren Beschreibungen von Seelenzuständen. Es gibt sehr viele großartige Einzelszenen, in denen der Autor es schafft, ambivalente Stimmungen nachfühlbar zu machen. Und es werden auch diese Szenen sein, die mir im Gedächntis bleiben werden, wenn ich ansonsten längst vergessen habe, worum es in diesem Buch eigentlich ging.

Eine Empfehlung für alle die Leser, die gute Beobachtungen so sehr schätzen, dass die eigentliche Handlung nicht mehr so stark ins Gewicht fällt.

Andrew Miller

Andrew Miller, 1960 in Bath geboren, arbeitete als Kellner, Reiseführer und Kampfsportlehrer. Er lebt in Dublin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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