Sabine Kornbichler - Der gestohlene Engel

Originaltitel: Der gestohlene Engel
Krimi. Droemer 2008
336 Seiten, ISBN: 3426636433

Judith, Ariane und Sophie sind beste Freundinnen. Einzelkinder alle drei, stehen sie sich nahe wie Schwestern. Verständlich also, dass Arianes Nachricht von ihrer unheilbaren Krebserkrankung die beiden anderen den Boden unter den Füßen wegzieht. Eine Bitte hat Ariane: sie sollen verhindern, dass ihre Tochter Svenja nach ihrem Tod bei Lukas, ihrem Exmann, aufwächst, obwohl das Verhältnis zwischen Vater und Tochter eigentlich gut ist. Ihre Begründung trifft vor allem Sophie wie ein Schlag: Svenja wäre nicht seine Tochter, sondern aus einem One-Night-Stand mit einem Unbekannten entstanden, von dem sie nicht mehr wüsste als den Vornamen Andreas. Und den kleinen goldenen Schutzengel, den sie nach dieser Nacht im Sand neben sich vorgefunden hatte…

Sophies Welt bricht ohnehin gerade auch noch an einer anderen Front auseinander: sie hat von der Affäre erfahren, die ihr Mann mit einer alten Bekannten hatte - für sie ein unumstößlicher Trennungsgrund, auch wenn sie ihren Mann nach wie vor liebt und ihn vermisst. Eigentlich hatte sie vor, die nächsten Monate eine berufliche Auszeit zu nehmen, eine Weltreise zu unternehmen, um nicht da zu sein, wenn ihr Mann auszieht. Sie will Ariane nicht im Stich lassen; und sie sieht eine neue Aufgabe: herauszufinden, wer der eigentliche Besitzer des kleinen Schmuckstücks war.

Eigentlich war die Ausgangslage ja hoffnungslos - aber eine ältere Dame in einem Antiquitätenladen erkennt tatsächlich den Künstler, der den Engel einst geschaffen hatte. Und dieser hatte davon nur einen einzigen gemacht, sogar die Rechnung existiert noch - und führt zu einer Immobilienfirma in Frankfurt.

Unter einem Vorwand nimmt Sophie Kontakt mit der genannten Dame auf; aber diese leugnet nicht nur, den Engel damals gekauft zu haben, sie behauptet sogar, ihn noch nie gesehen zu haben. Aber nicht nur das erscheint Sophie merkwürdig; auf einem Bild meint sie Ähnlichkeiten mit Svenja zu erkennen, und kurz darauf wird in ihrer Wohnung eingebrochen und neben dem Schmuck ihrer Mutter wird auch dieser Engel gestohlen.

Welch ein Zufall, dass wenige Tage später einer jungen Frau in einem Cafe genau so einen Engel aus der Tasche fällt…

Eigentlich wird die Bezeichnung "Krimi" diesem Buch nicht gerecht. Es gibt zwar eine dunkle Stelle in der Vergangenheit, die aufgeklärt wird, es gibt Einbruch, eine dunkle Bedrohung - aber weshalb ich dieses Buch mit so viel Interesse und Spannun gelesen habe, das lag an ganz anderen Gründen.

Der Autorin ist es gelungen, eine wunderbare Geschichte um Freundschaft, Abschiednehmen, Vertrauen und Prinzipien zu schreiben. Es ist unheimlich berührend zu lesen, mit welchen Gedanken die Freundinnen sich auseinandersetzen, je weiter Arianes Krebs voranschreitet. Und es ist wunderbar mit zu erleben, wie damit auch eine geänderte Einstellung einhergeht, wie mit dem Verstreichen von Lebenszeit Dinge wie verletzter Stolz immer unwesentlicher werden. Arianes Geschenk an Sophie ist es, ihr genau das bewusst zu machen, ihr immer wieder auch zu verdeutlichen, dass ein Ehebruch nicht notwendigerweise auch das Ende einer Ehe bedeutet.

Sophie besitzt ein ausgeprägtes Rechtsverständnis; schon der Gedanke, nachts über eine rote Ampel zu laufen, widerstrebt ihren Prinzipien. Welche Entscheidung ihre Freundinnen in der Vergangenheit getroffen hatten, um sie zu schützen, und welche Entscheidungen ihr ihre Entdeckungen in der Gegenwart abverlangen, ist psychologisch ausgesprochen gelungen ausgeleuchtet.

Ein Roman, den ich mit sehr viel Empathie gelesen habe - bestimmt nicht das letzte Buch der deutschen Autorin, die ich damit erst jetzt für mich entdecke. Wer Barbara Vine schätzt, könnte auch an diesem Buch Gefallen finden!

Sabine Kornbichler

Sabine Kornbichler, 1957 in Wiesbaden geboren, wuchs an der Nordsee auf. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre in Hamburg arbeitete sie mehrere Jahre als Beraterin in einer Frankfurter PR-Agentur. Inzwischen lebt sie in Berlin, wo sie als Autorin arbeitet. Die Homepage der Autorin ist unter www.sabine-kornbichler.de erreichbar.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Klaras Haus
  • Steine und Rosen
  • Gefährliche Täuschung
  • Der gestohlene Engel
  • Das Richterspiel
  • Die Todesbotschaft

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