Herman Melville - Moby Dick

Originaltitel: Moby Dick
Roman. Insel Verlag 1977
777 Seiten, ISBN: 3458319336

Übersetzung: Alice und Hans Seiffert

"Nennt mich Ismael", so beginnt einer der bekanntesten Romane der Weltliteratur, jener von Kapitän Ahab und seinem Kampf gegen Moby Dick, den weißen Wal.

Die Geschichte beginnt mit einem Landaufenthalt jenes Ismael, bei dem er Queequeg, einen über und über tätowierten Insulaner, kennen lernt. Gemeinsam heuern sie auf der Pequod an, einem Walfänger, der dann kurz nach Weihnachten in See sticht. Eigenartigerweise bekommen sie den Kapitän erst zu Gesicht, als sie schon eine ganze Weile unterwegs sind; und bei dieser Begrüßungsansprache erfahren sie dann auch, dass ihr eigentliches Ziel nicht der möglichst profitable Walfang, sondern die Suche nach dem EINEN Wal sein wird, nach Moby Dick, dem großen Weißen, der die Ursache für Ahabs Holzbein ist. Wer diesen Wal als erster sichte, erhalte eine Belohnung - und obwohl dieser Auftrag Wahnsinn ist, weil er die Entlohnung der Mannschaft, die an den Erfolg des Walfängers gekoppelt ist, so stark senkt, lässt sich die Mannschaft vom charismatischen Kapitän einschwören auf diese Jagd.

Nur einen gibt es, der nüchtern genug denkt, sogar eine Meuterei zum Schutz der Mannschaft überlegt: der Obermaat, Starbuck. Er weiß um das Verderben, in das sie steuern, doch legt er das Schicksal aller dann doch lieber in Gottes Hände, als zur Waffe zu greifen und sich durch einen Mord an Ahab schuldig zu machen.

Jeder Walfänger, der ihnen entgegenkommt, wird nach Moby Dick befragt, und schlussendlich wird er auch gefunden. Drei Tage lang wird dieser Wal gejagt; es ist der Untergang der Pequod, einzig Ismael überlebt…

Obwohl wohl fast jeder schon von Moby Dick gehört hat, die Verbindung zu "weißer Wal" und "Ahab" herstellt - in meinem großen, ziemlich belesenen Bekanntenkreis hat trotzdem kaum jemand diesen Klassiker tatsächlich gelesen, bzw. wenn, dann in einer gekürzten Kinderbuchversion.

Nachdem ich mich nun auf das Abenteuer eingelassen hatte, kann ich auch verstehen, warum. Obwohl in der Nacherzählung der Kampf zwischen Mensch und Natur, zwischen Wille und Machbarkeit immer dominiert, ist es doch ein Buch, in dem unglaublich wenig passiert, und das auf fast 800 Seiten.

Dafür wird man als Leser mit einer Klassifizierung von Walen konfrontiert, oder mit langen Beschreibungen, wie so ein Wal gefangen und ausgeweidet wird. Dazu noch die religiösen und philosophischen Anspielungen; ich möchte nicht behaupten, dieses Werk umfassend verstanden zu haben.

Als "Hobbyleser", also wenn man es weder für eine Hausaufgabe noch aus literaturwissenschaftlichem Interesse heraus liest, ergeben sich in meinen Augen hier durchaus Durchhalteschwierigkeiten. Aber auch wenn mich dieser Roman nicht begeistert hat, und ich dem eigentlichen Plot nicht so wahnsinnig viel abgewinnen konnte - mich haben eigentlich vor allem die Nebengeschichten dann doch sehr gefesselt. Die Überlegungen zum Thema Walfang und wie sich die Natur dadurch verändert fand ich sehr faszinierend; vor allem, wenn man bedenkt, wann diese Passagen geschrieben wurden, und wie viel davon erst deutlich später auch wissenschaftlich nachgewiesen wurde.

Auch der Arbeitsablauf auf einem Walfänger, die Pressermethoden, die Hierarchien, das hat Melville schon auf eine Weise geschildert, die mich sehr interessiert hat.

Die philosophischen Passagen hingegen haben mich weniger angesprochen.

Ich hatte einige Zeit vor der Lektüre dieses Romans im Buch einer Autorin, die ich ausgesprochen schätze, nämlich Anna Mitgutsch "Zwei Leben und ein Tag" viel über Melvilles Leben und auch ein wenig über die Entstehungsgeschichte von Moby Dick gelesen. Dadurch wurde mein Wunsch erst wirklich geweckt, den Klassiker zu lesen; aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich es wesentlich anregender fand, DARÜBER zu lesen als das Werk selbst.

Auch wenn es verpönt ist, einen Klassiker zu "kritisieren", hier doch mein Hobbyleser-Urteil: ich würde dieses Buch kein zweites Mal lesen wollen, obwohl ich einiges daran gerne gelesen habe.

Herman Melville

Herman Melville (1819 bis 1891) stammte aus einer verarmten New Yorker Familie. Er ging früh zur See und verdingte sich als Matrose, unter anderem auch auf Walfängern. Seine Reisen führten ihn bis in die Südsee. 1844 kehrte er in die USA zurück, lebte als freier Schriftsteller und war von 1866 bis 1885 als Zollinspektor in New York tätig. Der Romancier und Autor von Kurzgeschichten und Lyrik gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller. Sein Meisterwerk "Moby Dick" zählt zu den Klassikern der Weltliteratur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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