Connie Palmen - Luzifer

Originaltitel: Lucifer
Roman. Diogenes 2008
410 Seiten, ISBN: 3257066422

Übersetzung: Hanni Ehlers

"Unser Engel ist gefallen" - dieser Satz aus der Todesanzeige für Clara Wevers, den sie 1981 gelesen hatte, hatte sich der Autorin dieses Romans unlöschbar eingeprägt.

Viele Jahre später wird sie in einer Runde von ehemaligen Freunden dieser Clara erneut mit diesem Satz konfrontiert - und mit den Ungereimtheiten, die diesen Tod schon damals und auch heute noch umrankten. War es wirklich ein Unfall? Oder Selbstmord? Oder sogar, wie von einigen angedeutet, tatsächlich Mord, durch ihren Lebensgefährten, den Komponisten Lucas Loos?

Sie verbringen den Sommer in Griechenland; Clara, Lucas und der gemeinsame Sohn Quint, und dazu noch Claras langjährige beste Freundin Bella mit deren Sohn. So war es immer schon: Clara und Bella, gemeinsam im Urlaub. Nur in diesem Sommer hatte Clara eigentlich mit Lucas und Quint alleine verreisen wollen; sie wollten versuchen, sich wieder näher zu kommen, ihrer Beziehung eine neue Chance zu geben, ohne dass Lucas laufend ohne Absprache junge Männer einladen würde.

Sie hatten sich dann anders entschieden; doch schon von Beginn an lag eine gewisse Gereiztheit in der Luft, stritten Clara und Bella sehr häufig. Dass Clara und Lucas stritten, war ohnehin an der Tagesordnung. An dem bewussten Abend gab es wieder Streit zwischen den Frauen; Bella war dann mit den Kindern schon zu Bett gegangen. Als Clara und Lucas nach Hause kamen, trafen sie schon auf zwei junge Amerikaner, deren Bekanntschaft Lucas gerade erst gemacht hatte. Begeistert hatte er ihnen von seinem neuesten Projekt erzählt, einer Oper namens "Das Tribunal" zu Tschaikowskis Tod; Claras Bemühungen, seine Aufmerksamkeit zu erlangen, ignorierte der Komponist geflissentlich. Und dann, irgendwie, war es geschehen - Clara war von der Mauerbrüstung, die die Terrasse zum Meer hin abschirmte, gestürzt. Wie genau, was genau geschehen war - das kann und will auch die Autorin in diesem Buch nicht aufklären.

Viel wichtiger ist: was passiert danach…

Denn nun verbreitet sich diese Todesnachricht zu Hause, in Amsterdam. Lucas selbst übernimmt einen Teil der Telefonate; er klingt… ja, er klingt aufgekratzt, erzählt mal von einer Mauer, dann von einem Felsen, von dem Clara gefallen sein soll. Bittet um Mithilfe bei der Planung eines Happenings, zu dem die Beerdigung werden soll. Und so macht ein unangenehmes Gefühl sich breit bei einigen seiner Freunde; der unglaubliche Gedanke, der sich nicht abschütteln lässt, Lucas hätte mehr Anteil an diesem Tod, als man wahrhaben möchte.

Wie weit geht ein Künstler, um die Erfahrungen zu suchen, die er für sein Werk braucht? Woraus schöpft er seine Energie, seine Ideen, seine Kraft? Welchen Stellenwert nimmt Freundschaft, Liebe, und auch Religion darin ein?

Wie geht ein Mensch mit der Trauer um einen anderen um, vor allem, wenn es einen so rätselhaften Tod zu beklagen gibt? Welche menschlichen Regungen, deren man sich im Nachhinein vielleicht schämt, lebt man trotzdem aus? Wie zum Beispiel den Wunsch, darüber zu sprechen, die Nachricht zu verbreiten, die Sensation und den Schauder bei jedem Erzählen neu zu spüren?

Connie Palmen ist mit diesem Roman - auf den die Gattungsbezeichnung "Roman" für mich nicht so recht zu passen scheint, ich würde es eher eine literarisch-philosophische Spurensuche nennen. Inspiriert wurde die Autorin durch die tatsächliche Geschichte von Peter Schat und Marina Schapers; als Schlüsselroman allerdings will die sie ihn nicht verstanden wissen - für mich, die ich diese Szene ohnehin nicht kenne, also ohnehin kein Hindernis. Und geschickt darin verwoben ist auch noch die Geschichte um die letzten Tage Tschaikowskis, zu dessen Tod ebenfalls widersprüchliche Versionen kursieren.

Dabei gibt es sehr viele Passagen, die mich persönlich zum Nachdenken angeregt haben. Wie so oft schon hat Connie Palmen es für mich geschafft, komplexe Themenstellungen in klare Worte zu fassen, ohne dabei fertige Antworten zu liefern.

Wer aufgrund der schon im Klappentext aufgeworfenen Frage nach Mord, Selbstmord oder Unfall hier auf eine spannende Aufklärung hofft, wird mit Sicherheit enttäuscht werden, denn in meinen Augen beschäftigt sich dieser Roman vielmehr mit den Konsequenzen, die eine derartige Ungewissheit auf die Menschen in der näheren und ferneren Umgebung der Toten bedeutet, als mit dem Versuch, das Rätsel tatsächlich zu lösen. Dass sie dafür ein Milieu nutzt, dass sie sicher sehr gut kennt, also die Künstlerszene in Amsterdam, die einstigen 68er - eine Szene also, die mir völlig fremd ist - schafft zusätzlich einiges an Atmosphäre, auch wenn mir diese Lebensumstände immer fremd bleiben werden.

Keine Lektüre fürs Herz - aber dafür umso mehr für den Kopf!

Connie Palmen

Connie Palmen, geboren 1955, studierte Philosophie und Niederländische Literatur und lebt in Amsterdam. Sie schrieb unter anderem über ihren Lebensgefährten Ischa Meijer, einen niederländischen Journalisten, Schriftsteller und Talkmaster, der 1995 plötzlich an einem Herzinfarkt verstarb. Derzeit ist Connie Palmen mit Hans van Mierlo, dem ehemaligen niederländischen Außenminister, liiert.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©10.03.2008 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing