Christa Wolf - Nachdenken über Christa T.

Originaltitel: Nachdenken über Christa T.
Roman. Suhrkamp Verlag 2007
218 Seiten, ISBN: 3518459139

Christa T. ist tot. Jung gestorben, mit 35, an Leukämie. "Mitten im Leben stehend", wie die Phrase so schön sagt. Hinterlässt drei Kinder, einen Ehemann - und eine Menge halbfertiger Geschichten und Notizen, die nun die Autorin dieses Buches, Christa Wolf, sichtet, nach-denkt, und darüber schreibt.

Kennen gelernt hatten die jungen Frauen sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in der Schule; sie ist anders, diese Neue, ein Jahr älter als die Übrigen, von einer Art, die auffällt, weil sie sich nicht anpasst.

Und die man wiedererkennt; denn wiedergesehen haben sie sich erst Jahre später, in Leipzig, beim Studium. Da gab es den neuen deutschen Staat schon, die Ideale waren groß, und es gab auch diese junge Frau, die sich einen Eigen-Sinn bewahrte, damit aneckte, die das Gruppenziel gefährdete und auch damals schon immer wieder an der Welt krankte, sich nicht genug anpassen konnte.

In späteren Jahren sollte sie anfangen, sich die Frage zu stellen, ob wirklich sie sich dieser Welt, diesem System anpassen müsse - oder ob nicht auch das System dafür da sei, sich an die Menschen anzupassen

Es ist eine literarische Annäherung, immer wieder auch unterbrochen von nie geführten Gesprächen, von Schlussfolgerungen, die sich erst Jahre später ergeben, von Zusammenfügen von Lebensdetails, das Christa Wolf hier betreibt. Und immer ist es auch ein Nachdenken über sich selbst, eine Infragestellung.

Sie zeichnet mit diesem Porträt - sie bezeichnet Christa T als eine "literarische Figur" - das Bild einer vielschichtigen, facettenreichen Frau, die gleichzeitig am Leben zu zerbrechen droht und doch so viel davon in sich hat, die sich am Land im Nu das Vertrauen der Bauern erwirbt, ihre Geschichten hört, und doch nie wirklich heimisch wird.

Ich bin nicht, wie viele andere Leser, ein langjähriger treuer Leser von Christa Wolfs Büchern. Bislang hatte ich mich mit ihr sehr schwer getan; ihr Stil ist sperrig und spröde, und immer ist der Subtext stark politisch geprägt, und zwar von einer Ära, die ich nicht miterlebt habe.

Dieses Buch war für mich "Pflichtlektüre", da für einen Lesekreis ausgewählt - aber ich habe es nicht bereut, im Gegenteil. Nach einer kleinen Einlesephase hat die Autorin mich mit ihren Gedankengängen gefesselt, mcih nachhaltig beschäftigt. Dass es wenig äußere Handlung gibt in diesem Buch hat mich nicht gestört.

Natürlich habe auch ich dann im Nachklang vernommen, welche Schwierigkeiten nach Erstauflage des Buchs in der DDR damals enstanden, von der Begründung ihres Ruhms im Westen, von der Gefahr, die man im Osten davon ausgehen sah. Damit kann man sich sicherlich lange auseinandersetzen; für mich war aber gut zu merken: dieses Buch ist auch ohne diesen Hintergrund gut lesbar und vor allem sehr interessant. Von meiner Seite eine Empfehlung!

Christa Wolf

Christa Wolf, geboren 1929, lebt in Berlin. Sie zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart; ihr umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk wurde in alle Weltsprachen übersetzt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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