Michael Wallner - Zwischen den Gezeiten

Originaltitel: Zwischen den Gezeiten
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2007
272 Seiten, ISBN: 3630872557

Für Inga ist es ein Glücksfall, dass sie in dem britischen Lazarett arbeiten kann. Die Vergünstigungen, zu denen sie dadurch Zugang hat, helfen sehr dabei, den kargen Speiseplan ihrer Familie im Nachkriegsdeutschland zu verbessern, zumal ihr Vater nun nicht mehr arbeitet, sich mit einer Pension begnügen muss und damit nach wie vor hadert.

Im Lazarett trifft Inga auf Alec Hayden. Der charismatische Mann hat sie bald in seinen Bann gezogen, zumal seine ausgefallenen Wünsche ihre Neugierde wecken. Bald schon merkt sie, dass Alec ein Spieler ist; und obwohl anfangs nur Zuschauerin, ist sie bald fasziniert und bettelt darum, mitmachen zu dürfen.

Durch Alec kommt sie in Berührung mit den Spielern und Schwarzhändlern ihrer Stadt; als sie merkt, dass Alec wohl hohe Spielschulden hat, versucht sie, ihm zu helfen, auch wenn sie dafür leichtsinnig nicht nur alles, was sie hat, aufs Spiel setzt, sondern auch ihre Zukunft…

Es gab viele interessante Aspekte in diesem Roman. Zum Beispiel Ingas Vater, der bei der Bahn mitverantwortlich für Judentransporte gewesen war und nun nicht mehr arbeiten durfte, sich seither schickaniert fühlte. Die Versorgungslage im Land generell, die Auswirkungen des Schwarzhandels. Die Privilegien, die man genoss, wenn man bei den Besatzungsmächten Arbeit bekam.

Aber leider war dies nur vage gehaltener Hintergrund für eine Geschichte, die für mich beim besten Willen nicht nachvollziehbar wurde. Inga soll also diesem Alec von Anfang an verfallen; warum, das konnte der Autor mir nicht vermitteln. Da war eigentlich keine Spannung spürbar zwischen den Beiden. Und auch Ingas Spielsucht war etwas, was man eben für den Fortschritt des Romans brauchte, so wie auch noch diverse andere Handlungen.

Für mich hat der Autor bei diesem Roman mit Versatzstücken gearbeitet, bei denen sicher war, dass sie erstmal ein Publikum finden: Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg, Entnazifizierung, Spielsucht… und das Ganze dann zu einem Roman zusammengeschraubt, der für mich in sich einfach nicht stimmig wird.

Mag sein, dass andere Leser sich stärker dafür begeistern können - von meiner Seite gibt es keine Empfehlung.

Michael Wallner

Michael Wallner, 1958 in Graz geboren, war Schauspieler am Wiener Burgtheater und am Schillertheater Berlin, arbeitete als Opern- und Schauspielregisseur ua in Hamburg, Wien, Bern und Düsseldorf. Heute lebt Michael Wallner als Schriftsteller in Berlin und führt gelegentlich Regie am Burgtheater und anderen Bühnen. Sein 2006 erschienener Roman "April in Paris" wurde in 22 Sprachen übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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