Ann Patchett - Familienangelegenheiten

Originaltitel: Run
Roman. Piper Verlag 2008
320 Seiten, ISBN: 3492051405

Übersetzung: Uli Aumüller

Nach wie vor ziehen sie Blicke auf sich, wenn sie gemeinsam unterwegs sind und sich als Vater und Söhne vorstellen; Bostons früherer, irischstämmiger Bürgermeister Doyle und Tip und Teddy, seine adoptierten, schwarzen Söhne. Es war damals eine Sensation, als er und seine Frau die beiden Kinder angenommen hatten; einen älteren, leiblichen Sohn gab es zu dem Zeitpunkt bereits. Es waren ihnen nur wenige Jahre des Glücks geblieben; sehr früh schon war Bernadette gestorben. Doyle hatte sich liebevoll um die beiden gekümmert, ihnen versucht, auch die Mutter zu ersetzen, und sie nach Kräften gefördert. Sein größter Wunschtraum war natürlich, sie in der Politik zu sehen. Doch dazu zeigten beide nicht viele Ambitionen; Tip, der ältere, hatte sein Herz den Meeresbewohnern verschrieben, und Teddy schien allen ernstes ein krichliches Amt in Erwägung zu ziehen.

Es war wieder einmal einer jener Abende, an denen Doyle seine beiden Söhne genötigt hatte, zu einer politischen Versammlung mitzukommen. In Boston war an jenem Tag ein Schneesturm vorhergesagt, der allerdings bis nach dem Vortrag auf sich warten ließ; als also Tip seinem Vater erklärte, weder jetzt zum anschließenden Empfang mitzukommen, noch zukünftig zu einem weiteren politischen Anlass, und dabei rückwärts lief, wurden die Autogeräusche des näherkommenden Fahrzeugs so gedämpft, dass er sie nicht wahrnahm. Auch Doyle und Teddy hätten nichts bemerkt; aber eine fremde Frau hatte ihn gesehen, kräftig weggestoßen, und war nun selbst vom Auto erfasst und angefahren worden.

Während Tip mit einem gebrochenen Knöchel davonkam, war der Zustand der Frau schlimmer. Sie war nicht alleine da; die elfjährige Tochter, Kenya, stand daneben. Und war plötzlich den Menschen so nahe wie nie, die sie seit ihrer frühesten Kindheit kannte, ohne jemals mit ihnen in Kontakt gewesen zu sein. Aus der Ferne hatten sie und ihre Mutter das Leben der Familie beobachtet, sich immer im Hintergrund gehalten, kannten so viele Details - aber nie, nie nie sollte Kenya zu irgendjemandem davon sprechen, hatte ihre Mutter ihr auferlegt.

Nach dem ersten Schock im Krankenhaus, und nachdem feststand, dass die Mutter erst am nächsten Morgen würde operiert werden können, tauchte plötzlich die Frage auf, wo man Kenya lassen könnte, die ganz offensichtlich keine weiteren Verwandten, keine Freunde hatte, zu denen sie gehen konnte. Und da erst, als sie so direkt gefragt wurde, stellte sie den beiden jungen Männern die Frage, die in den darauffolgenden 24 Stunden das Familienleben auf den Kopf stellen sollte: "Habt ihr euch nie gefragt, wer eigentlich eure leibliche Mutter ist?"

Sie wird von der Familie mit nach Hause genommen, wo auch der ältere Bruder Sullivan überraschend anzutreffen ist. Dieser war, nachdem ihm der Boden zu heiß geworden war, aus Afrika zurück. Und er zumindest schafft es, Kenya die Fragen zu stellen, die alle anderen auch beschäftigen…

Ja, eines kann man nicht leugnen: dieses Buch enthält eine gehörige Portion Gutmenschentum. Alle geschilderten Personen sind im Kern gütig, zutiefst menschlich, grundanständig; selbst Sullivan, der doch aus Afrika abgehauen ist, weil man ihm auf die Schliche kam, dass er Aids-Medikamente bis zu Unwirksamkeit verdünnt hatte, wird so sympathisch gezeichnet, dass man fast geneigt wäre, über diese Tatsache wie über einen kleinen Ausrutscher hinwegzugehen.

Und auch wenn dann durch das plötzliche Auftauchen der Frau, die vorgibt, die leibliche Mutter zu sein und für ihr Kind sogar ihr Leben opfert, ein wenig Sand ins reibungslose Getriebe der Familie gerät - aus den Fugen ist sie deshalb noch lange nicht.

Aber trotz all dieser Mängel, und obwohl ich mir von dieser Autorin eigentlich eine detailliertere psychologische Aufarbeitung gewünscht hätte, habe ich es dann gerne gelesen, wie Kenya sich auf ihre stille Art innerhalb dieser wenigen Stunden einen Platz im Herzen aller Familienmitglieder erobert.

Nicht das, was ich erwartet hatte, aber trotzdem schön; ein Buch "fürs Herz".

Ann Patchett

Ann Patchett, geboren 1963 in Los Angeles, wurde für ihren Bestseller Bel Canto mit dem PEN/Faulkner-Award und dem britischen Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Die Idee zu ihrem Roman "Bel Canto" entstand aus der Geiselnahme der japanischen Botschaft durch Guerrillas in Lima 1996, die erst vier lange Monate später beendet wurde. Ann Patchett lebt in Nashville/Tennessee.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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