Christoph Hein - Willenbrock

Originaltitel: Willenbrock
Roman. Suhrkamp Verlag 2000
319 Seiten, ISBN: 3518397966

Der Bernd Willenbrock, den man auf den ersten Seiten kennenlernt, war zumindest mir nicht unbedingt sympathisch. Ein typischer Gebrauchtwagenhändler; überheblich, ein wenig schmierig, einer, der ohne mit der Wimper zu zucken fähig ist, einen anderen übers Ohr zu hauen. Willenbrock hatte Glück; nach der Wende ging der Betrieb, in dem er als Ingenieur arbeitete, Pleite. Er aber hatte es geschafft, hatte sich mit seinem Gebrauchtwagenhandel einen gewissen Wohlstand gesichert, konnte es sich leisten, seiner Frau eine Boutique zu finanzieren, ein schönes Haus dazu, und noch ein Wochenendhaus auf dem Land. Mit Frauen hat er es ebenfalls leicht; zwar ist er seit zehn Jahren, wie er selbst sagen würde, glücklich, verheiratet, aber jede hübsche Blume am Wegesrand konnte seiner Aufmerksamkeit gewiss sein.

Alles in Ordnung also, ein solides Dasein, einer, der es geschafft hat.

Als dann eines Nachts von seinem Hof einige Autos gestohlen werden, beginnt diese Sicherheit, erste Sprünge zu bekommen. Die herbeigerufene Polizei erklärt ihm ziemlich unverblümt, dass man sich auf der Suche nach den Tätern wohl kein Bein ausreißen werde, ja, es klingt sogar an, dass man ihm durchaus zutraut, die Wagen selbst beiseite geschafft zu haben um die Versicherung zu betrügen.

Willenbrock stellt einen Nachtwächter ein.

Einige Zeit später werden er und seine Frau in ihrem Landhaus überfallen; Willenbrock wird auch körperlich attackiert, mit viel Glück gelingt es ihm, die Täter in die Flucht zu schlagen. Zwei Verdächtige werden sogar gefasst, ihm gegenübergestellt - ganz sicher ist er sich nicht. Doch dass diese beiden dann am nächsten Tag schon abgeschoben werden, dass der Tatbestand des tätlichen Angriffs nicht ausreicht, sie festzuhalten, erschüttert seinen Glauben an die Rechtsstaatlichkeit enorm.

Das sei der Punkt, an dem man selbst zu handeln beginnen müsse, erklärt ihm sein bester Kunde, ein reicher Russe. Und bringt ihm, als Geschenk, einen Revolver vorbei…

Mir hatte an diesem Buch gefallen, wie der Autor es versteht, dem Leser diesen Willenbrock in seiner ganzen Alltäglichkeit nahe zu bringen. Man sieht seine unangenehmen Seiten, seine Seitensprünge, die Art wie er von seiner Frau denkt. Und erlebt ihn gleichzeitig auch als sehr fürsogrlich, als einen jovialen Chef, der seine Mitarbeiter gut behandelt, fair bezahlt, ihnen auch schon mal etwas extra zukommen lässt.

Und man erlebt einen Menschen, der keine engen Kontakte hat, der auch mit seiner Frau nur wenig spricht, schon gar nicht Probleme wälzt. Und Probleme kommen in dieser Zeit immer mehr auf ihn zu und gären in ihm weiter.

Die Siegerfassade bekommt Risse; in Willenbrock arbeiten die erlittenen Kränkungen, das erlittene Unrecht weiter. Langsam wird aus dem durchaus gewaltfrei und rechtsstaatlich orientierten Mann jemand, der glaubt, sein Recht in eigene Hände nehmen zu müssen. Bis hin zur vielleicht bittersten Konsequenz…

Ich habe dieses Buch überraschend gerne und interessiert gelesen; ich hatte meine Vorurteile. Die sicher auch schon durch die sehr gute Verfilmung, mit Axel Prahl in der Hauptrolle, schon gemildert waren.

Christoph Hein

Christoph Hein, geboren 1944, wuchs in Bad Düben bei Leipzig als Sohn eines Pfarrers auf. Schulbesich bis Mauerbau in Westberliner Gymnasium, danach Montagearbeiter, Buchhändler, Kellner, Journalist, Schauspieler und Regieassistent. 1964 Abitur an der Abendschule. Philosophie- und Logik-Studium in Berlin und Leipzig, danach Dramaturg und Autor an der Volksbühne in Ost-Berlin. Seit 1979 freier Schriftsteller. Zahlreiche Literaturpreise und Auszeichnungen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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