Fernanda Eberstadt - Liebeswut

Originaltitel: The Furies
Roman. Rowohlt Verlag 2006
688 Seiten, ISBN: 3499244160

Sie ist einunddreißig, Kind reicher Eltern, die zwar stolz sind auf die Erfolge ihrer Tochter, aber nicht verstehen können, warum sie sich nicht einen einträglicheren Job sucht. Es ist eine gehörige Portion Idealismus dabei, in einem Institut zum Wiederaufbau der ehemaligen Sowjetunion zu arbeiten, aber Gwen liebt es.

Auf einer ihrer daraus resultierenden Dienstreisen geschieht es auch, dass sie sich in den mittellosen Puppenspieler Gideon verliebt. Ungleicher könnte ein Paar nicht sein; er mit seiner kommunistischen Prägung, dem Puppentheater, dem Einsatz für alternative Projekte - und dazu die Tochter aus der besseren Gesellschaft.

Und doch. Und doch ist es nicht nur sexuelle Anziehungskraft, die die beiden aneinander bindet. Sie sind voneinander fasziniert, reden nächtelang, wagen sich immer weiter in die Gebiete des anderen vor.

Und dann ist Gwen schwanger. Die beiden heiraten, Gideon zieht in ihr Appartment, verlässt seine alte WG-Partnerin, mit der ihn eine tiefe Freundschaft verbindet. Und dieser Auszug ist begleitet von einem Gefühl des Im-Stich-Lassens; schließlich hat er sich bislang immer auch mit um ihr Kind gekümmert.

Mit dieser Ehe, der neuen Verantwortung als zukünftige Eltern, ändern sich die ersten Kleinigkeiten. Gwens Erwartungen an Gideon steigen, auch wenn sie es ihm gegenüber nicht so ausdrückt; der Gedanke, auch weiterhin die alleinige Versorgerin der Familie zu sein, bedrückt sie mehr als ihn, dem Geld nach wie vor nicht so wichtig ist, auch wenn er die Annehmlichkeiten die daraus resultieren langsam durchaus zu schätzen beginnt.

Sie schaffen es nicht mehr, ihre Anziehungskraft aufeinander wirklich aufrecht zu erhalten. Ihre Erwartungen entwickeln sich auseinander, sie reden nicht wirklich miteinander. Und mit der Geburt des Kindes, mit den danach folgenden Veränderungen, werden sie nicht mehr so locker fertig, wie sie anfangs gedacht hatten.

Und so scheitert diese große Liebe am Alltag - und übrig bleibt der Kampf um das gemeinsame Kind, der auf dramatische Weise endet…

Schwanger und kurz vor der Hochzeit stehend hatte ich mir dieses Buch gekauft. Einige der Rahmenbedingungen dieses Paares trafen schließlich auch auf mich zu; vor allem die Plötzlichkeit, mit der das eigene Leben sich änderte. Daher war gerade der erste Teil, in dem die Anfänge dieser Liebesbeziehung zwischen zwei so unterschiedlichen Menschen gezeigt wird von einigem Interesse für mich. Wobei mich an der Figur des Gideon einiges gestört hat; hier packt die Autorin nämlich so einiges rein, von jüdischer Geschichte über politische Überzeugungen und und und. Das machte es für mich an mancher Stelle etwas anstrengend; aber gut.

Der für mich beste Abschnitt des Buches war dann aber zu beobachten, wie dieses Paar dann am Alltag scheitert. Wie gerade nach der Geburt des Kindes die unausgesprochenen Erwartungshaltungen aneinander für permanente Spannungen sorgen. So manches mal möchte man das Paar schütteln und dazu auffordern, doch einfach miteinander zu reden, ein klein wenig Geduld zu zeigen. Doch das geschieht nicht; der darauffolgende Kleinkrieg ist zu erwarten. Mit dem todtraurigen Ende hat die Autorin mich zwar emotional sehr mitgenommen, ich habe ihr diesen Weg aber auch übel genommen - mehr sei hier nicht verraten.

Mein Fazit: ein guter Roman um das Scheitern einer Liebesbeziehung am Alltag, der an vielen Punkten sehr gut und einfühlsam ist, aber auch einige Schwächen aufweist. Gut für ein verregnetes Wochenende!

Fernanda Eberstadt

Fernanda Eberstadt wurde in New York geboren und studierte in Oxford am Magdalen College. Sie hat bisher drei Romane geschrieben. Ihre Essys und Kritiken sind im New Yorker, im New York Times Magazine, in Vanity Fair und imCommentary erschienen. Sie lebt heute mit ihrem Mann und zwei Kindern in den französischen Pyrenäen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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