Jürg Amann - Pekinger Passion

Originaltitel: Pekinger Passion
Krimi. Arche Literaturverlag 2008
128 Seiten, ISBN: 3716023760

Ein grausiges Verbrechen war in Peking begangen worden: eine junge Frau wurde ermordet und zerstückelt, ihre Einzelteile an verschiedensten Orten in einem Park versteckt. Kurz davor war eine Vermisstenanzeige über eine junge Lehrerin aufgegeben worden; deren Mutter hatte einzelne ihr vorgelegte Leichenteile als wahrscheinlich ihrer Tochter zugehörig erklärt. Und in den Unterlagen der Tochter fand man Liebesbriefe und Drohungen eines ihrer Schüler - der dann auch sofort ein ausführliches Geständnis ablegte, diese Tat begangen zu haben. Der Schüler, Teng Xingshan, wird für dieses Verbrechen getötet.

20 Jahre später taucht die doch angeblich ermordete Shi Xiaorong plötzlich wieder auf - und damit stellt sich natürlich die Frage: wurde ein Unschuldiger gerichtet? Warum hatte er dann dieses Geständnis abgelegt, es passte doch alles zusammen? Und vor allem: von wem stammen dann die gefundenen Leichenteile?

In diesem "Kriminalnovelle" betitelten kurzen (und optisch sehr schön gemachten) Buch lässt der Autor nacheinander erst den vermeintlichen Mörder, die Mutter des Opfers, einen der Ermittler und zum Schluss die junge, so lange verschwundene, Frau selbst zu Wort kommen.

Heraus kommen sehr unterschiedliche Facetten einer Zeit, von der nur eines sicher feststeht: es gab da einen jungen Schüler, der sehr unglücklich über den Umzug seiner Eltern war, der sich an der neuen Schule nicht angewöhnen konnte und wollte, der an Liebeskummer litt, und sich ziemlich sicher auch tatsächlich in die junge Lehrerin verliebt hatte. Sicher ist außerdem, dass Shi Xiaorong ohne Vater aufwuchs, dass dieser Vater Franzose war und nichts von der Existenz seiner Tochter wusste…

Das liest sich alles nett, vor allem der Beginn - also der Teil, in dem der Schüler seine Passion in Form eines Geständnisses niederlegt - und dem Schluss, als das vermeintliche Opfer zu Wort kommt. Aber dazwischen war für mich (auch auf diesem kurzen Textstück) eine doch sehr deutlich merkbare Flaute, was wirklich geschah, wird nicht erhellt (was ja auch nicht zwingend nötig ist); es werden aber auch zu wenig Möglichkeiten aufgezeigt, um die Phantasie des Lesers anzuregen. Insgesamt also eher enttäuschend für mich.

Jürg Amann

geboren 1947 in Winterthur, Studium der Germanistik in Zürich und Berlin, Promotion. Zuerst Literaturkritiker und Dramaturg, seit 1976 freier Schriftsteller, zahlreiche Preise. Lebt inZürich.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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