Colm Toibin - Porträt des Meisters in mittleren Jahren

Originaltitel: The Master
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2007
424 Seiten, ISBN: 3423136197

Der Leser begegnet Henry James in diesem Roman erstmal im Januar 1895. Die Premiere seines ersten Theaterstücks steht kurz bevor; noch freut der Autor sich darauf, die Reaktion seiner Freunde und Bekannten, die er allesamt eingeladen hatte, unmittelbar zu erleben. Das war es schließlich, was ihm gefehlt hatte, diese Reaktion auf sein Schaffen. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass das Stück so katastrophal durchfallen würde, während das ihm so oberflächlich erscheinende Werk Oscar Wildes zur selben Zeit Triumphe feierte.

Klatsch und Tratsch in London hat sich aber bald von seinem Misserfolg weg hin zu einem viel brennenderem Thema verlagert: der Prozess gegen Oscar Wilde. Von Freunden wird James dann ganz diskret befragt, ob nicht auch er lieber das Land verlassen möge, da ja unter Umständen auch er mit Konsequenzen zu rechnen hätte?

Zwischen dieser Gegenwart und Rücksprüngen in James Vergangenheit mäandert der Roman dann weiter; einen Sommer lang verbringen wir mit dem damals noch sehr jungen Autor und Freunden in den Staaten; der Bürgerkrieg ist kaum vorbei, die Auswirkungen noch überall spürbar. Opfer hat auch die eigene Familie zu beklagen; aber es ist vor allem das, was James in diesem Sommer an Zwischenmenschlichem beobachtet, das ihm Stoff für merhere Romane liefert.

Immer wieder sind es Geschichten, die ihm erzählt werden, oder feine Beobachtungen seiner Freunde, die das Grundgerüst für den psychologischen Rückhalt seiner Romane ausmachen; und hier im Roman wird erzählt, wie beschaulich und ruhig sein Leben sich dagegen ausnimmt. Selbst seine wenigen tieferen Freundschaften pflegt er auf distanzierte Weise; Ansprüche an ihn sollte keiner stellen dürfen.

Während man als Leser also die wenigen Veränderungen in seinem täglichen Umfeld miterlebt, wie zum Beispiel den Ärger mit dem Personal, wird in diesen langen Rückblenden jeweils einfühlsam ein prägender Moment der Vergangenheit beleuchtet. Das liest sich teilweise selbst wie ein Roman aus dem 19. Jahrhundert, inklusive aller dazugehörigen Umwege.

Ich hatte anfangs meine Probleme mit diesem Roman. Mich hatte die Frage beschäftigt, wieviel am Erzählten tatsächlich der Realität entspricht, und wieviel eben Romanhandlung ist, an die Figur des realen Henry James angelehnt. Dazu trug sicher auch bei, dass gerade zu Beginn viel direkte Rede verwendet wird, man sehr viel aus dem Innenleben des Autors in Form von Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen, präsentiert bekommt. Dazu gibt es wenig tatsächliche Handlung im Roman; die Rückblenden sind auch eher sehr detaillierte, und ausgesprochen schön zu lesende, psychologische Betrachtungen.

Ich hatte eine Weile gebraucht, um mich auf diesen Stil einzulassen, um mich auf die ruhige Reise zu einem Menschen aufzumachen, der sich so sehr abschottet und Wert auf Wahrung seiner Grenzen legt. Es bleibt natürlich immer die Frage offen, wieweit der Mensch Henry James dem hier geschilderten tatsächlich entsprochen hätte; aber zumindest wurde mein Interesse geweckt, einen der Romane des amerikanischen Klassikers zu lesen; vielleicht eines der Bücher, dessen Entstehung man im Roman bruchstückhaft mitverfolgen konnte.

Colm Toibin

Colm Tóibín, 1955 in Irland geboren, veröffentlichte mehrere Sachbücher. Bereits sein erster Roman, "Der Süden", wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Tóibíns Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er gilt als einer der interessantesten Schriftsteller der mittleren Generation.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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