Gisa Klönne - Nacht ohne Schatten

Originaltitel: Nacht ohne Schatten
Krimi. Ullstein Verlag 2008
368 Seiten, ISBN: 3550087160

Zu Beginn dieses dritten Falls von Judith Krieger wird sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf, genauer, einem Albtraum, gerissen, weil an der S-Bahn ein Mann erstochen wurde. Ein S-Bahn-Lokführer, ohne Vorlieben, ohne Interessen, ohne Freunde, Familie… es gibt keine Zeugen, und auch ein Motiv lässt sich (gerade auch für die Anzahl der Messerstiche, die diesem Mann verpasst wurden) nicht finden.

Kurz darauf gibt es, in unmittelbarer Nähe dieses Tatorts, einen Brandanschlag auf eine Pizzeria, bei der der Besitzer stirbt - und die Polizei einen schrecklichen weiteren Fund macht: im Keller gefangen gehalten ist ein junges Mädchen, das offensichtlich zur Prostitution gezwungen wurde. Hinweise auf ihre Identität gibt es nicht; sie ist schwerst verletzt, kann nicht befragt werden.

Für die Ermittler beginnt eine zermürbende Suche: nichts ist sicher, nicht einmal, ob die beiden Fälle in einem Zusammenhang stehen. Und Judith Krieger und Manfred "Manni" Korzilius, die zuletzt als gutes Team zusammengearbeitet hatten, stehen sich wieder einmal als Rivalen gegenüber, die gänzlich unterschiedliche Thesen verfolgen.

Neu im Team ist eine junge russische Pathologin; mit der Stelle in der Rechtsmedizin hat sie auch eine Funktion in der Initiative Frauen gegen Gewalt angenommen, auch wenn diese Rolle ihr sehr viel Unbehagen bereitet. Und seit dem Morgen nach dem S-Bahn-Mord lauert ihr immer wieder eine schöne, offensichtlich misshandelte Frau auf, die jedoch weder bereit ist, ihren Mann anzuzeigen, noch, ihren echten Namen zu nennen. Ekatarina ist sicher, dass hinter dieser Ines ein Geheimnis steckt - und ihr Instinkt, geprägt durch die Lehren ihrer samischen Großmutter, sagt ihr, dass es einen Zusammenhang gibt mit diesem Fall. Aber Ekatarinas Mitarbeit im Team ist noch zu kurz, sie selbst viel zu unsicher, als dass sie es wagen würde, ihre Vermutungen laut zu äußern - zu tief sitzt auch die Furcht, sie könnte ihren lang ersehnten Job durch unzulängliche Arbeit gefährden...

Wie schon in den beiden Vorgängerbänden gab es auch hier ein paar paranormale Erfahrungen; die Russin, die sich an uraltes Wissen erinnert und zum Teil auch anwendet, was sie von ihrer Großmutter, der Schamanin, gelernt hat... und auch Judith Krieger befragt wieder regelmäßig die Tarotkarten und wird von Träumen gequält. Das ist der Aspekt an den Büchern, der mir nicht sonderlich zusagt - aber den ich in Kauf nehme für eine ansonsten sehr spannende Geschichte über Gewalt gegen Frauen, verpackt in einige Mordfälle.

Besonders angetan bin ich dabei immer auch von den Entwicklungen innerhalb des Teams, vom Spiel mit Beförderung, Anerkennung, Neid... darin ist die Autorin richtig gut, man kann die Spannungen und die Ambivalenzen sehr gut nachfühlen.

Man kann gespannt bleiben, was "die Kriegerin" als nächstes bearbeitet.

Gisa Klönne

Geboren 1964. Schriftstellerin, Journalistin und Dozentin für kreatives und journalistisches Schreiben. Lebt in Köln.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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