Michael Kleeberg - Karlmann

Originaltitel: Karlmann
Roman. DVA 2007
470 Seiten, ISBN: 3421054592

Wimbledon 1985. Ein unbekannter junger Deutscher hält die Tenniswelt in Atem; kann es wirklich sein, dass Boris Becker gewinnt? Atemlos verfolgen auch Karlmann "Charly" Renner und seine Freunde das Match; es ist der Tag von Charlys Hochzeit, er und seine Freunde sind dabei, sich für das Fest am Abend vorzubereiten, noch ein paar Biere zu trinken, sich schick zu machen. Und während am grünen Rasen Boris sein Match macht, gratuliert sich Charly zu seinem eigenen Sieg; schließlich hat er es geschafft, er hat seine Traumfrau, er ist ein Gewinner, er wird beneidet. Und später an diesem Abend geht er noch rasch mit der langjährigen gemeinsamen Freundin fremd und nimmt das Angebot seines Vaters an, Teilhaber in der Firma zu werden. Dabei hatte das eigentlich gar nicht so sehr seinen Wünschen entsprochen - aber nun ist er plötzlich Geschäftsführer.

Die Ehe plätschert so dahin, die Firma geht den Bach runter, der vorauszusehende Seitensprung kommt, Christine geht…. Und als Leserin habe ich mich von Seite zu Seite mehr gelangweilt.

Im Vorwort meines Rezensionsexemplars war ein Interview mit dem Autor enthalten, in dem er erklärt, warum er sein Werk wie vorliegend angelegt hat:

Ich habe mich für diesen Roman intensiv mit modernen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Gedächtnis, Erinnerung, Zeitwahrnehmung etc. auseinandergesetzt. [..]
..dass es mir in diesem Roman darum ging, all das zur Sprache zu bringen und einmal genau zu analysieren, was gemeinhin in den Falten einer normal erzählten Geschichte verschwindet, all das was zwischen "Sie sahen einander an und küssten sich" und "Am nächsten Morgen starrte er aus dem Fenster" liegt. Ich wollte, um dem Alltag sein Geheimnis zu entreißen, eine Tiefenbohrung des Moments leisten und musste dazu jeden einzelnen Augenblick in Zeitlupe zerdehnen, um wirklich die Totalität all dessen, was in ihm gesehen, gefühlt, gedacht wird, zeigen zu können.


Hier liegt für mich eines der Probleme dieses Buches. Es ufert aus. Die meisten der Gedankengänge des Charly Renner sind einfach nicht interessant genug, um mich bei der Stange zu halten, sie sind eben, wie der Autor schon erwähnte, unglaublich alltäglich, banal. Leider ist dieser junge Mann eben auch eine sehr alltägliche, durchschnittliche Figur, die mich auch sonst nicht zu interessieren vermochte, die mir im Gegenteil eher leicht unsympathisch war.

Der Autor wurde auch noch befragt, ob er an eine unterschiedliche Wahrnehmung dieses Buches durch Frauen und Männer glaubt:

Bei den ersten Lesern war zu spüren, dass Frauen das Buch mit Genuss und Einverständnis lasen, weil sie alle einen Charly kannten, sei es im eigenen Haus, sei es in unmittelbarer Nachbarschaft. Und dass sie Verständnis für ihn haben - wie sie ja Verständnis haben müssen für die Männer, mit denen sie leben. Die Männer unter den paar bisherigen Lesern haben sich bezeichnenderweise eher an die großen Frauengestalten gehalten, die das Buch - logisch bei einem Werk über den Mann - bevölkern.
.

Das entspricht nicht meiner persönlichen Wahrnehmung; ich könnte mir zum Beispiel ganz gut vorstellen, dass ein Mann, selbst in etwa im Alter dieses Charly Renner, sich vielleicht noch mehr mit dem Inhalt des Romans identifizieren könnte und auch die Schwächen leichter akzeptieren könnte. Als Leserin hatte ich keinen Genuss verspürt…

Michael Kleeberg

1959 in Stuttgart geboren und wuchs in Süddeutschland und Hamburg auf. Er studierte Politische Wissenschaften und Geschichte an der Universität Hamburg. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem Französischen (Marcel Proust) und Englischen (John Dos Passos) in Berlin. 1996 erhielt er den Anna-Seghers-Preis und 2000 den Lion-Feuchtwanger-Preis. Zuletzt erschienen die Romane "Ein Garten im Norden", "Der König von Korsika" und "Das Tier, das weint".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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