Maarten´t Hart - Gott fährt Fahrrad oder Die wunderliche Welt meines Vaters

Originaltitel: De aansprekers
Roman. Piper Verlag 2006
313 Seiten, ISBN: 3492234046

Wer sich wundern sollte, warum ich trotz meiner bekannten Abneigung gegen diesen Autor zu einem weiteren Buch von ihm gegriffen habe: es wurde per Los für unsere nächste Leserunde ausgewählt, die am Donnerstag wieder zusammentrifft. Dadurch ist man eben auch manchmal gezwungen Bücher zu lesen, die man eigentlich nicht lesen wollte...

Um es gleich vorweg zu nehmen: ich habe mich dann doch bemüht, so unvoreingenommen wie nur möglich an die Lektüre zu gehen. Und ich habe mich bei weitem nicht so geärgert wie damals beim "Wüten der ganzen Welt".

In diesem Buch erzählt Maarten´t Hart eine Geschichte vom Abschiednehmen; er wird gleich zu Beginn aus dem idyllischen Urlaubsdomizil gerufen, um ans Krankenbett seines Vaters zu eilen. Die Nachrichten sind nicht gut: der Vater hat Krebs, Behandlung zwecklos. Der Hausarzt gibt die Diagnose allerdings nicht dem Patienten selbst weiter sondern nur ihm, dem Sohn; ob er es dem Vater erzählt oder nicht, überlässt er diesem.

Der Sohn erzählt es nicht. So, wie er seinen Vater einschätzt, fürchtet er, dass diese Nachricht aus ihm einen alle Hoffnung, allen Lebensmut entbehrenden alten Mann machen würde; während er nun schmerzfrei wie bislang als Friedhofsgärtner weiterarbeitet und mit seiner Mischung aus Charme und ordinärer Bosheit sein Reich beherrscht.

Das Verschweigen bedeutet für den Sohn aber auch, dass er sich ganz alleine mit der Tatsache auseinandersetzen muss, seinen Vater bald zu verlieren, viel zu jung zu verlieren. Er entdeckt einen unbändigen Hass in sich auf alle die, die länger leben dürfen und es in seinen Augen nicht verdienen.

Gleichzeitig versucht er, noch so viel Zeit wie möglich mit dem Vater zu verbringen, zu ihm auf den Friedhof zu fahren; Erinnerungen an seine Kindheit kommen wieder hoch, an das eine Mal, als er noch als kleines Kind fast eineinhalb Stunden Weg ganz alleine gelaufen war, um den Vater im Garten zu besuchen, und dabei Todesängste ausstand, dass Gott ihn vielleicht holen käme.

Es ist nicht das, was in dem Buch drin steht, was mich stört - es ist das, was alles fehlt. Einerseits ist die Rede davon, dass der Vater ihn als Kind getreten und geschlagen hat (wie auch er selbst als Kind misshandelt wurde) - aber da ist keine Spur von Zorn oder Wut oder Rachsucht zu spüren, keine Auseinandersetzung,
man hat beinahe das Gefühl, als hätte es sich um eine besondere Zärtlichkeit gehandelt. Dem Vater kommen häufig die Tränen, wenn er sich daran erinnert, wie schlecht er sein Kind behandelt hat; aber auch da ist nie die Rede davon, wie das Kind es empfand, wie es damit fertig wurde. Mir erschien das wie in Zuckerguss getaucht.

Auch sonst fehlt mir jede echte Auseinandersetzung, sowohl in Glaubensfragen als auch mit dem Verlust des Vaters; der Autor beschränkt sich wieder einmal darauf, Bibelverse oder die Namen von Musikstücken (und diesmal auch Gedichten) aufzuzählen, anstatt das, was sie in ihm bewirken, lebendig werden zu lassen.

Wenn man zum Beispiel die sehr persönlichen Bücher vor Augen hat, die zum Beispiel Philip Roth in "Mein Leben als Sohn" oder Paul Auster mit "Die Erfindung der Einsamkeit" zu ihrer Auseinandersetzung mit den sterbenden Vätern verfasst haben, die sich dazu im Unterschied zu Maarten´t Hart auch noch dadurch auszeichnen, hervorragend erzählt zu sein, dann merkt man doppelt deutlich, wie wenig Substanz in dieser "poetischen Liebeserklärung eines Sohnes an seinen Vater" tatsächlich enthalten ist.

Nein, auch mit diesem Buch konnte Maarten´t Hart mich nicht überzeugen.

Maarten´t Hart

Maarten´t Hart, geboren 1944 in Maassluis als Sohn eines Totengräbers. Studium der Biologie in Leiden und dort Dozent für Tierethologie. Mit seinem umfangreichen Werk, vielfach übersetzt und verfilmt, hat er, einer der großen Einzelgänger der niederländischen Literatur, sich in Holland längst den Ruf eines modernen Klassikers erworben.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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