Bernhard Schlink - Das Wochenende

Originaltitel: Das Wochenende
Roman. Diogenes 2008
240 Seiten, ISBN: 3257066333

Wenn man den Klappentext des Romans liest, wird man unweigerlich an die öffentliche Debatte des Sommers 2007 erinnert, als Bundespräsident Köhler über das Gnadengesuch von Christian Klar zu entscheiden hatte und Birigtte Monhaupt nach Ablauf ihrer Mindesthaftzeit auf Bewährung entlassen wurde:

Nach zwanzig Jahren im Gefängnis ist er überraschend begnadigt worden. Christiane, seine Schwester, will sein erstes Wochenende in Freiheit mit einem Dutzend alter Freunde feiern, in einer verfallenen Villa auf dem Land, ohne Reporter und Kameras. Der Journalist Henner, die Lehrerin Ilse, der Geschäftsmann Ulrich mit Frau und Tochter, Karin, Bischöfin einer kleinen Landeskirche, der Rechtsanwalt Andreas – sie alle haben damals in irgendeiner Form mit der Revolution sympathisiert. Heute haben sie ihren festen Platz im bürgerlichen Leben. Sie kommen aus Loyalität, aus Nostalgie, aus Neugier. Sie wollen gern raten und helfen und zugleich Distanz wahren. Aber sie können sich der Konfrontation mit ihrer eigenen Biographie, ihren Lebensträumen und Lebenslügen nicht entziehen. Die Vergangenheit wird lebendig. Mit der atmosphärischen Intensität eines Kammerspiels wird Bilanz gezogen.


Ganz klassisch beginnt der Roman damit, dass Jörg von seiner Schwester Christiane vom Gefängnis abgeholt wird. Sie hatte sich all die Jahre um ihn gekümmert, hatte sich aber schon früher immer für ihn verantwortlich gefühlt, elternlos, wie sie waren. Das erste Wochenende in Freiheit sollte für ihn etwas Besonderes werden, hatte sie sich vorgestellt; und dazu die alten Freunde von früher eingeladen, die die damals ebenso politisch aktiv waren wie Jörg. Aber anders als er waren sie davor zurückgeschreckt, bevor es ganz radikal wurde, waren den letzten Schritt in den Untergrund nicht gegangen.

Was hatte sie nun hierher getrieben? Neugierde, ein Gefühl von Verwantwortung, ein wenig Nostalgie, durchaus auch Hilfsbereitschaft. Sie hatten seither ihren Weg gemacht, mehr oder weniger; waren in der bürgerlichen Ordnung angekommen.

Als Kontrakpunkt dazu setzt der Autor Marco, einen jungen Mann, der Jörg in der letzten Zeit häufig im Gefängnis besucht hatte, ein glühender Bewunderer der Bewegung, der Jörg dazu bewegen will, den Kampf gegen das System auch weiterhin zu unterstützen.

Was als Willkommensfeier gedacht war, entwickelt sich rasch zu einer politischen Debatte, zu Anklage und Rechtfertigung sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart.

Meine Gefühle zu diesem Roman sind etwas ambivalent. Ich empfand das Thema des Romans, gerade aufgrund der politischen Aktualität, als sehr interessant, und in der Debatte auch gut umgesetzt. In meinen Augen verzichtet der Autor darauf, die moralische Keule zu schwingen; das hat er schon im Vorleser nicht gemacht. Aber er zeigt, was Menschen bewegen kann, Schritte zu gehen, die vielen anderen als Unrecht erscheinen, zeigt mögliche Beweggründe.

Nicht alles daran fand ich allerdings gut umgesetzt; die Lehrerin Ilse, die einem verstorbenen Freund aus jener Zeit ein anderes Ende zuschreibt zum Beispiel empfand ich als viel zu aufgesetzt. Dagegen war die Figur des jungen Marco, der Jörg und dessen Ruf für seine Zwecke, für "die Sache" nutzen will, als sehr gut gemacht und sehr gut geschildert.

Dass dann zusätzlich auch noch 2 kleine Liebesgeschichten eingebaut wurden… nun, ich hätte darauf verzichten können.

Für mich ist dieser Roman keine "große Literatur", aber ein interessante Lektüre zur Zeitgeschichte.

Bernhard Schlink

Bernhard Schlink - Student in Heidelberg und Berlin, wissenschaftlicher Assistent in Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg. Promotion 1975 (Abwägung im Verfassungsrecht, 1976), Habilitation 1981 (Die Amtshilfe. Ein Beitrag zu einer Lehre der Gewaltenteilung in der Verwaltung, 1982). Professor in Bonn, Frankfurt und seit 1992 an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1993 Gastprofessor an der Yeshiva-University New York. Gemeinsam mit Bodo Pieroth Autor des Lehrbuchs "Grundrechte" (11. Auflage 1995). Von 1988 - 2005 Richter des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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