Cormac McCarthy - Die Straße

Originaltitel: The Road
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2006
287 Seiten, ISBN: 0307386457

Auf einer Straße irgendwo in Amerika, an einem nicht näher bezeichneten Ort, sind ein Vater und ein Sohn unterwegs. Es ist nicht mehr das Amerika, das wir kennen - das hat vor etwa 10 Jahren aufgehört zu existieren, also zu einer Zeit kurz vor der Geburt des Jungen. Was genau passiert ist, wissen wir nicht; nur, dass seither die Sonne nicht mehr durchdringt, dass keine Pflanzen, keine Tiere mehr leben, dass die meisten Menschen tot sind, und die, die noch existieren, auf meist sehr brutale Weise ums Überleben kämpfen.

Aber zu Beginn erlebt man wie gesagt nur den Vater mit seinem Sohn unterwegs; sie treffen lange auf keine anderen Menschen, suchen aber auch nicht nach Kontakt, im Gegenteil. Immer ist ihr Bestreben, möglichst unauffällig unterwegs zu sein, nur dort zu lagern, wo es von der Straße aus nicht einsichtig ist, wo man rascher sieht als gesehen wird. Denn von anderen Menschen droht Gefahr; wenn keiner mehr viel hat, jeder Bissen Nahrung wertvoll ist, gilt Menschlichkeit nicht mehr viel.

Die Menschen, denen sie dann begegnen, haben sich oft zu Gruppen zusammengeschlossen, treten in einem Verbund als Jäger an. Dass ihre Opfer nicht nur beraubt werden, ist rasch klar - auch Menschen werden hier als Nahrungsquelle betrachtet.

Aber diese vordergründige Gefahr diente in meinen Augen im Roman nur dazu zu zeigen, wie rasch die Werte der Zivilisation in einer solchen Extremsituation verworfen werden; denn wichtiger war mir die Frage: was treibt einen Menschen eigentlich an, in einer derart hoffnunglosen Umgebung dennoch weiterleben zu wollen? Dass dieser Hoffnungsträger für den Vater der Sohn ist, wird rasch klar; ohne ihn wäre er nicht mehr, hätte keinen Grund mehr, weiterzumachen. Für seine Frau hatte dieser Grund nicht mehr ausgereicht; sie hatte vor einigen Jahren einen anderen Ausweg gewählt, und er hatte sie alleine gehen lassen.

Mit absolut minimalistischer Sprache beschreibt der Autor diese düstere Welt, die Hoffnungslosigkeit, die Brutalität, die Einzug erhält. (Gewalt und Anarchie sind ohnehin die großen Themen des Autors). Und als Kontrapunkt dazu erlebt man als Leser immer wieder die Gespräche mit dem Sohn; kurze Wortwechsel nur, die dennoch so viel Liebe vermitteln, so viel Zartheit inmitten dieser grausamen Welt, dass es mich unglaublich angerührt hat. In diesem Spannungsbogen zwischen Vater und Sohn entwickelt sich auch die große ethische Frage dieses Romans: wo fängt Menschlichkeit an? Wo ist die Grenze zwischen Überleben und der Härte, wie sie von den "Bösen" ausgeübt wird, die keine Skrupel mehr kennen? Wieder ist es der Sohn, die Unschuld in Form eines Kindes, die hier dafür sorgt, dass Mitgefühl weiterexistiert.

Für mich war dieser Roman wahrlich kein Lesevergnügen; die düstere Stimmung, die grausamen Szenen schlagen ganz schön aufs Gemüt. Aber es war ein sehr wichtiges Buch; ich habe viel darüber nachgedacht, viel diskutiert, und bin mir sicher, es wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Eine Empfehlung!

Cormac McCarthy

McCarthy wuchs in Tennessee auf, lebte lange Zeit in Texas und nun mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn in New Mexico. Für seine Bücher wurde er unter anderem mit dem Faulkner Award, dem American Academy Award, dem National Book Award, dem National Book Crities Circle Award und 2007 für seinen Roman „The Road“ (dt. „Die Straße“) mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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